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SWR2 Wort zum Tag

Der Mensch ist zum Gehen geboren. Warum? Weil das Leben selbst ein „Gehen" ist. Man spricht vom Gang durchs Leben, vom Lebenslauf oder Lebenswandel. Leben heißt Unterwegs-Sein. So haben es Pilger über Jahrhunderte hinweg verstanden. Beim Pilgern wird das buchstäbliche Gehen zum Sinnbild für das Unterwegssein im Leben. Zwischen den Erfahrungen des Unterwegsseins zu Fuß und den Erfahrungen des Lebens, das sich selbst als Weg, als Unterwegssein, deuten lässt, bestehen vielfältige Beziehungen.
Ich bin in den letzten Jahren regelmäßig größere und kleinere Abschnitte auf dem vielfältigen Netz von Jakobspilgerwegen gegangen, die Europa durchziehen. Nicht um mir eine besondere Bußleistung abzuverlangen. Nicht um das Grab des Jakobus zu besuchen oder um sein Standbild in Santiago de Compostela zu berühren. Auch nicht, um dadurch besonders „heilig" zu wirken. Ich bin gegangen, um mit Körper und Seele zu spüren, dass „Leben" heißt unterwegs zu sein.
Wer unterwegs ist, muss die Zeichen am Weg verstehen. Man muss die Landkarten, aber auch die Landschaft selbst „lesen" können. Man muss die Merkmale einer Landschaft, in der man sich gerade bewegt, erkennen und sie als Wegweiser deuten. Das sind die äußeren Zeichen am Weg.
Es gibt aber auch innere Zeichen. Das ist die Sprache der Intuition. Sie gibt mir zu verstehen, was für mich gerade dran ist auf meinem Weg. Wann ist es Zeit, Pausen zu machen? Wann spüre ich in mir das Signal zum Aufbruch? Kann, ja will ich mir einen Umweg erlauben? Ist es Zeit, meinen Schritt zu beschleunigen, oder darf ich mich auch aufhalten lassen? Wie weit will ich überhaupt bei einer Tagesetappe kommen?
Ich musste es richtiggehend einüben, auf diese Sprache der Intuition zu hören. Weil wir sie in unserer Kultur kaum noch brauchen, beherrschen wir sie auch nicht mehr. Es ist wie beim Schreiben- und Lesen-Lernen eines Kindes. Am Anfang gelingt es noch nicht so gut. Doch mit der Übung kommt die Sicherheit.
Interessant war für mich die Erfahrung, dass das Achten auf innere Zeichen etwas mit meiner Lebensführung im Alltag zu tun hat. Ich lerne, mit Ungeduld und Geschwindigkeit neu umzugehen, Stress zu vermeiden, Zeiten für scheinbar Nutzloses zuzulassen. Ich lerne, das Maß eines Tages nicht nach dem zu bestimmen, was darin unterzubringen ist, sondern umgekehrt: Ich entscheide, was mir jetzt wichtig ist, und nehme mir dafür Zeit.
Vielleicht muss man gar nicht pilgern, um das zu erfahren, aber man kann es im Gehen erleben.

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