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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

"Herr, mein Gott! (...) Ich rufe - und da ist niemand, der mir antwortet. die Dunkelheit ist so dunkel - und ich bin allein. Wo ist mein Glaube? Selbst tief drinnen in meinem Innersten ist nichts als Leere und Dunkelheit. Ich habe keinen Glauben."
Das sind dramatische Sätze. Sie stehen in einem Tagebuch. Geschrieben von Mutter Teresa. Ja, tatsächlich: Mutter Teresa, der „Engel der Armen von Kalkutta". Eine Ikone der Nächstenliebe. Seliggesprochen als Vorbild im Glauben. Als das Tagebuch nach ihrem Tod veröffentlicht wurde, waren viele Menschen schockiert.
Das hätte niemand erwartet. Diese so tieffromme Frau: ausgebrannt und innerlich zerrissen. Sie ruft nach Gott und zweifelt gleichzeitig an ihm: „Ich habe keinen Glauben." Aber gerade diese Zweifel machen Mutter Teresa so menschlich. Denn: Wer zweifelt nicht auch immer wieder an Gott angesichts von so viel Leid und Elend in der Welt. Macht das Leben wirklich Sinn, wenn so viel Sinnloses geschieht? Wer diese bohrenden Fragen stellt, der ist mit Mutter Teresa in guter Gesellschaft. Und mit dem ungläubigen Thomas der Bibel und all den anderen, „die Zweifel hatten" (Mt 28,17). Glauben bedeutet ja kein kritikloses Übernehmen vorgegebener Wahrheiten. Wer Gott wirklich begegnen will, der muss vielleicht ein ganzes Leben mit ihm ringen - wie der Erzvater Jakob im Alten Testament. Mit Gott wird man nie fertig. Deshalb ist der Glaube eine dynamische Angelegenheit - mit Höhen, aber auch Tiefen. Der Dichter Hermann Hesse hat das so ausgedrückt: „Wo nie gezweifelt wird, da wird auch nicht richtig geglaubt."

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