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SWR4 Sonntagsgedanken

Teil 1
Gott die Ehre geben - das war das große Thema von Johann Sebastian Bach. „Soli Deo gloria" - allein Gott zur Ehre, hat er über jedes seiner Musikstücke geschrieben. Und seinen Schülern hat er ins Heft diktiert: Es soll das Ziel aller Musik „anderes nicht als zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüts sein. Wo dieses nicht in acht genommen wird, da ist keine eigentliche Musik, sondern ein teuflisches Geplärr und Geleier".
Als Jugendlicher habe ich Orgelspielen gelernt und damit Bachs Werke näher kennengelernt. Ich weiß noch, wie ich von dem überaus geordneten Ablauf des musikalischen Melodienflusses, von der Ordnung und Struktur seiner Kompositionen fasziniert war. Für mich hatte diese Ordnung etwas Wohltuendes, vielleicht weil sie so ganz im Gegensatz stand zu der manchmal chaotischen Erlebniswelt eines Heranwachsenden. Die klaren Strukturen in Bachs Kompositionen sind geprägt von der Vorstellung göttlicher Harmonie. Sie sind ein überwältigendes Bekenntnis zur göttlichen Schöpfung und zur liebevollen Ordnung, die Bach in ihr walten sieht.
Über Bachs Weltsicht und seinen Glauben kann man streiten. Man tat es schon zu seinen Lebzeiten. Bach provozierte dadurch, dass er alle Musik - und nicht nur die geistliche - in den Dienst Gottes gestellt hat. Er kennt nicht die eisernen Vorhänge, die wir heute zwischen Kirche und Welt herunterzulassen uns bemühen. Lassen wir uns von ihm provozieren und ermuntern, diese Vorhänge zu beseitigen. Er hat es vorgelebt. Er ermunterte Menschen, in dieser Welt zu singen und zu musizieren, weil Gott sie so schön gemacht hat. Mit seiner Musik wollte er die Welt an Gott erinnern, der sie geschaffen hat und einmal auch erlösen wird. - dafür soll Gott musikalisch bedankt und geehrt werden: „Soli deo Gloria".
Sicher gibt es Leute, denen Bachs Werke nichts sagen. Oder die seine Musik schlichtweg langweilig finden. Andere dagegen sehen in seiner Musik so etwas wie ein Pfingstwunder unserer Tage: Bei der Musik hören die Ohren in allen Sprachen und jeder versteht, was sie sagt. Wie damals an Pfingsten, als Menschen aus aller Welt auf einmal verstanden haben, was ihnen von Gott gesagt wurde. Und eigentlich kann man sogar sagen: Musik - insbesondere die von Johann Sebastian Bach - teilt die Menschen nicht in Prediger und Angepredigte auf. Die Musik beteiligt alle und lässt einem das Herz und den Mund aufgehen. Sie berührt einen - und man geht mit.
Bachs Musik kommt aus seiner tiefen Frömmigkeit und protestantischen Glaubensgewissheit. Sie öffnet einem das Herz, ganz gleich, ob man zuhört oder selbst musiziert und sie kann die Menschen zur Stille führen oder - um es mit seinen Worten zu sagen - zur „Recreation des Gemüths". Darum bin ich recht zuversichtlich, dass seine Musik auch im 21. Jahrhundert für Gottes Wort empfänglich werden lässt und den ganzen Menschen stärken kann.

Teil 2
Von Gott kann man nicht nur reden. Seine Freundlichkeit muss man auch sehen, hören, empfinden. Deshalb ist es gut, dass es die Musik gibt.
„Davon ich singen und sagen will" - so kündigt der Engel „vom Himmel hoch" die gute Nachricht den Hirten an. Es allein bei Worten belassen, - das ist zu wenig. Besungen will es sein, das Wunder: Gott und Mensch finden zusammen. Worte allein reichen da nicht aus.
„Davon ich singen und sagen will" - in der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen verbindet sich allerdings „evangelisch" eher mit „sagen" als mit „singen". Die evangelische Kirche gilt als die Kirche der Wörter - und dadurch leicht ein bisschen kopflastig und trocken.
Ich meine, die Kritiker haben darin recht: der Kirche des Wortes tut die Ergänzung durch das Lied gut. Neben dem Sagen braucht es das Singen, neben der Predigt die Musik. Damit der ganze Mensch erreicht wird - mit seinem Herzen, seinen Gefühlen, in seiner Sehnsucht nach Gemeinschaft und nach sinnhaften und sinnlichen Erlebnissen.
Wer singt und musiziert, der weiß aus eigener Erfahrung: Singen, vor allem das Singen in der Gemeinschaft, im Chor etwa, bewirkt Erstaunliches: Kopf und Herz werden frei, das Körpergefühl verändert sich. Wer singt und musiziert, der kann Martin Luthers Erfahrung bestätigen: „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik." Das genau vermag die Musik eines Johann Sebastian Bach bis heute.
Gewiss, Bachs Werk ist abgeschlossen, seine barocke Welt nicht mehr unsere Welt. Vergangen sind auch die damaligen Formen des Gottesdienstes. Vergangen auch die Gestalt der barocken Frömmigkeit, aus der heraus Johann Sebastian Bach den größeren Teil seiner Werke geschaffen hat.
Doch das bleibt: Die Musik eines Johann Sebastian Bach hilft auch Menschen des 21. Jahrhunderts, die bedrängenden Töne des Alltags abzuwehren. Sie öffnet ihnen einen Raum, in dem sie neue Töne zur Ehre Gottes hören können. Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass die Menschen in Scharen zu den Aufführungen Bach´scher Musik drängen? Es ist gut, dass Gott uns immer wieder Künstler schenkt, wie er einer gewesen ist.
„Davon ich singen und sagen will": das Wort und die Musik - beide machen den Reichtum unserer evangelischen Tradition aus.

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