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SWR2 Wort zum Tag

Präimplantationsdiagnostik, kurz PID. Die Möglichkeit, im Reagenzglas entstandene Embryonen zu untersuchen und nur die voraussichtlich gesunden der Mutter einzupflanzen - und die anderen zu vernichten. Sollen wir das dürfen - oder nicht? Ich finde diese Entscheidung fast zu schwer für uns Menschen. Dass wir so buchstäblich Leben in der Hand haben, Leben, das noch nicht so aussieht wie ein Mensch. Und doch ein Mensch ist, am Anfang des Lebens. Ich finde die Sorge berechtigt, dass Dämme brechen können, wenn das Untersuchen und vor allem das Aussortieren erlaubt ist. Läßt sich dieses Verfahren rechtlich so regeln, dass es nicht missbraucht werden kann? Dass es vor allem eine Chance ist für Paare mit Erbkrankheiten in der Familie? Ich stehe hinter der Position meiner Kirche, die sagt: menschliches Leben ist unantastbar von der ersten bis zur letzten Sekunde. Gleichzeitig verstehe ich Menschen, die alles tun möchten, damit Kinder, die zur Welt kommen, ihr Leben möglichst gesund beginnen können. Dieser Wunsch ist doch wahrhaftig nicht verwerflich. Und er ist auch nicht egoistisch. Denn Eltern fühlen sich nun einmal verantwortlich für den Start ihrer Kinder ins Leben. Viele sorgen sich auch, wie es mit ihrem behinderten Kind weitergeht, wenn sie selber einmal nicht mehr leben.
Zu Recht beteiligen sich behinderte Menschen und Behindertenverbände an der gegenwärtigen Debatte. Familien, die mit behinderten Kindern oder Geschwistern leben, erzählen häufig von besonders intensiven und innigen Beziehungen. Behinderte Menschen selbst weisen vehement darauf hin, dass auch ihr besonderes Leben wertvoll und glücklich ist. Und der Gedanke: Mit der PID gäbe es mich wahrscheinlich gar nicht - dieser Gedanke ist schwer zu ertragen.
Trotzdem treiben mich Fragen um: Wenn Eltern im allerfrühesten Stadium verhindern wollen, ein behindertes Kind zu bekommen - wertet das wirklich behinderte Menschen ab, die jetzt leben? Ist nicht der Wunsch ganz menschlich, ein neues Leben möglichst ohne Lasten beginnen zu lassen? Aber umgekehrt frage ich mich auch: Sind wir vielleicht so fixiert auf das behinderte Leben am Anfang, dass wir übersehen, was alles das Leben nach der Geburt behindert, von der Herkunft bis zur finanziellen Situation der Familien? Sind nicht viele in unserer Gesellschaft gesund - aber chancenlos? Verstellt der Blick auf die PID nicht den Blick auf die Frage, wie Kinder menschenwürdig leben können?

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