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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Heute ist ein Tag, an dem sich ein Wunder bestaunen lässt. Ich brauche dafür nur meinen alten Dierke Weltatlas hervorkramen, den aus den achtziger Jahren, aus meiner Schulzeit. Eine andere Welt war das damals. Und der Tag heute, der 17. Juni war ein Feiertag. Der „Tag der deutschen Einheit", von 1954 bis 1990. In meinem Weltatlas gibt es eine gestrichelte Linie mitten durch Deutschland. Er trennt die Bundesrepublik und die Deutsche Demokratische Republik voneinander. Und ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie mein Gemeinschaftskundelehrer noch im Frühjahr 89 sagte: Daran wird sich auch nichts ändern. Ich werde die Wiedervereinigung nicht erleben und ihr auch nicht. Ein halbes Jahr später fiel die Mauer, und ab 1990 war der 3. Oktober der „Tag der deutschen Einheit". Und die Einheit war Realität. Für mich ist das manchmal immer noch wie ein Wunder.

Etwas, was man überhaupt nicht erwartet. Was kein Mensch für realistisch hält: So was nennt man gemeinhin: ein Wunder. Und auch wenn die Einheit Deutschlands heute so selbstverständlich erscheint, wenn auch beim Fußball alle zusammen, Ost und West für Deutschland jubeln: Damals war diese Einheit ja noch etwas unvorstellbar Überraschendes. Wenn ich in meinen Dierke-Weltatlas schaue, wird mir das wieder vor Augen geführt.

Für mich hat diese deutsche Einheit - so seltsam das vielleicht klingen mag - mein Verhältnis zu Wundern geändert. Wenn ich heute manchmal denke - oder mir besonders wünsche: Etwas möge passieren, was ganz unwahrscheinlich ist, was kaum einer für möglich hält: Dann denke ich an dieses Wunder der Einheit. Und ich bekomme dadurch Zuversicht: Ja, so etwas ist möglich. Etwas, was keiner für möglich hält, es passiert. Eine Versöhnung vielleicht im Freundeskreis oder in der Familie. Veränderungen in der Gesellschaft oder in der Kirche. Oder eben auch: eine schwere Krankheit, die sich bessert. Da stabilisiert sich ein Zustand, da wird jemand sogar geheilt, für den die Ärzte eher schwarzsahen. Ja, so etwas passiert. Und ich glaube, es passiert vor allem dann, wenn Menschen daran glauben, wenn sie zusammenhalten, wenn sie gemeinsam und füreinander beten. Dann können Dinge passieren, die kaum einer für möglich hält.

Wunder gibt es immer wieder.

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