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SWR2 Wort zum Tag

„Was nicht aus der Beichte gekrochen ist - kann kein Christ sein!"
Ein krasses Wort. Und dazu noch von Martin Luther - dem Erzvater der Reformation. „Was nicht aus der Beichte gekrochen ist - kann kein Christ sein!" Das hört sich doch erst einmal kräftig katholisch an. Denn - so höre ich immer wieder - „bei Evangelischen gibt es doch keine Beichte." Mir blieb die Erfahrung von Beichte lange verschlossen. Zu intim - zu persönlich - zu nah. Beichtstühle in evangelischen Kirchen habe ich gar nicht vermisst. Für mich sind Beichtstühle vor allem eines gewesen: Orte der Gewissensprüfung - der Gewissenserforschung - der Gewissenkontrolle - der Gewissensdurchleuchtung - verbunden mit Zwang.

Mittlerweile habe ich anderes Verhältnis zum Beichten. Die Beichte ist mir zur Quelle meiner Erneuerung geworden. Da krieche ich neu ins Leben. Einmal die Woche. Freitagabend. Wo wir in der Gemeinde das klösterliche Nachtgebet halten - die so genannte Complet. Wir sind eine kleine Gruppe - manchmal sogar nur zu Dritt. Da bekenne ich vor Gott und den Anderen  meine Schuld. In der Stille. Bekräftigt mit den überlieferten Worten: „Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld." Dreifach gehe ich die Woche durch: Wo ich in Gedanken, in Worten und mit Taten Menschen übergangen oder verletzt habe. Wo ich ihnen im Weg war. Wo ich unnötig zornig und wütend war. Und wo ich meine eigenen  Fähigkeiten habe verkümmern lassen, wo ich zu ängstlich und zu mutlos war. Mit solchen Fragen an mich selbst erinnere ich mich noch einmal an Erlebnisse einer Woche. Selbstkritisch. So eine Art „innerer Beichtspiegel.
Und dann sieht der Ablauf in der Complet vor, dass die Teilnehmenden füreinander beten. Und das ist etwas, was mich immer wieder erstaunt: Menschen, beten für mich zu Gott, dass mein altes, von Routine geprägtes Leben wieder frisch wird, erneuert. Unglaublich und befreiend ist das für mich. Das ist der Moment in der Woche, wo ich neu ins Leben gehen kann. Und den ich deshalb inzwischen unter gar keinen Umständen versäumen mag.

Beichte ohne Beichtstuhl. Beichte ohne verordneten Beichtspiegel. Beichte ohne gefährliche Zweierkonstellation - denn Intimität birgt bekannter Maßen die Gefahr großer Abhängigkeit. Beichte mit Anderen, vor Anderen und für Andere. Die Tür zu solcher Beichte steht jedem offen - in der Stille - in jedem Gottesdienst. Ich lerne dabei auch immer wieder neu - quasi als Kulturtechnik für das menschliche Miteinander - das um Verzeihung bitten.

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