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SWR2 Wort zum Tag

Viel Wirbel um „Scientology". Das Fernsehen hat diese Gruppe unlängst in den Focus gestellt. Es ginge bei Scientology um viel Geld, um Abzocke, um autoritäre Hierarchien - um die Schwierigkeiten von Aussteigern. Keine Lappalien, gewiss nicht. Und doch: Solche oder ähnliche  Strukturen sind mir von sektiererischen Gruppen aus fast allen Religionen bekannt. Und mir fiel auf: Die Kritik hat sich mit diesen „Nebenwirkungen", beschäftigt, aber das „Medikament" und seine Wirkstoffe blieben merkwürdig „dunkel". Was nämlich ist der Glaube von Scientology?

Wenn ich richtig verstehe, ist Scientology eine typisch neuzeitliche Selbsterlösungsreligion. In der Mitte steht der Einzelne, der sich durch Steigerung seiner Fähigkeiten - seiner Führungs- und Durchsetzungsfähigkeit - aus dem so genannten irdischen Jammertal erhebt und befreit. In der Sprache der Scientologen heißt das: Clear werden - sich rigoros durchleuchten - über sich hinauswachsen - sich vervollkommnen - Übermenschliches erreichen - ein Titan werden - und so Erlösung erlangen.
Eine typische Selbsterlösungsreligion eben -  wie andere auch - wo es darum geht, sein Menschsein durch besondere Leistungen zu überbieten. Wie viele quälen sich so oder so ähnlich zu ihrem Glück und Heil ! Durch berufliche, ökonomische, sexuelle oder sportliche Höchstleistungen, durch kosmetische Operationen.

Im Spielfilm über eine Scientology Karriere wird ein verunsicherter Vater - der vor dem Abschluss seines Architekturstudiums in eine Krise gerät - für diese Form der Selbsterlösung anfällig. Bis er sieht, wie gnadenlos dieser Weg ist. Für sich, für seine Frau, für sein Kind.
Mensch bleiben - Fehler und Brüche annehmen - nicht gegen sich kämpfen, nicht sich bekriegen und besiegen, sondern sich und andere begnadigen - das wäre ein anderer Weg - ein Leben aus der Gnade. Ein verlockender. Aber wie schwer zu gehen in einer so dominanten Kultur der Selbstbehauptung. Bibelworte wie dieses -  „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2.Korinther 12,9) - klingen da anachronistisch. Christlicher Glaube wächst aber an genau dieser Lebenserfahrung - an einem wirklichen Menschen - mit all seinen Schwächen und Stärken - an Jesus von Nazareth. Wann immer ich seinen Wegen nachgehe, kann ich gnadenlose Erwartungen an mich abschütteln. Gott sei Dank.

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