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SWR2 Wort zum Tag

In letzter Zeit erlebe ich immer mehr Gespräche, in denen Menschen sich über die Kirche beklagen. Manche tun das heftig, damit kann ich ganz gut umgehen. Andere tun es achselzuckend, resigniert: Früher hat mir die Kirche viel bedeutet, früher habe ich mich engagiert, aber das ist vorbei, das interessiert mich nicht mehr, sagen sie. Die Kirche ist doch dabei, sich selber abzuschaffen.
Diese Art von Kritik schmerzt mich. Ich höre da viel Enttäuschung. Und ich höre, dass da der Kirche Menschen verloren gehen, Menschen, die einmal mit viel Kraft und Herzblut dabei waren. Und ich denke daran, wie viel ich selber der Kirche verdanke. Nicht nur den eigenen Beruf mit all seinen Höhen und Tiefen und Begegnungen. Sondern vor allem sehr früh schon die Geschichten von Gott, die Geschichten vom Glauben, die Ahnung, die Sehnsucht nach mehr als was ich sehe, höre, greifen, berechnen, mir vorstellen kann. Die Begegnung mit christlichen Traditionen und mit dem Glauben anderer Religionen. Langjährige Freundschaften, Weggemeinschaften, die in den Kirchengemeinden entstanden sind, in denen ich gelebt habe. Begegnung mit Priestern, Ordensfrauen, Lehrerinnen und Lehrern, die integer waren, die Lebenskraft ausgestrahlt, mich gefördert haben.
Das Schlimme ist, gerade wenn ich die resignierte und oft depressive Kirchenkritik höre: ich muss in vielen Punkten erst mal beipflichten. Es ist schwerer geworden, sich in einer Gemeinde zu beheimaten. Es ist schwerer geworden, Menschen aus kirchlichem Kontext zu treffen. Viele Themen, die z.B. in Rom wichtig sind, interessieren hier niemanden im eigenen Alltagsleben, rufen oft einfach Kopfschütteln hervor.
Natürlich spielen hier Erwartungen an kirchliche Amtsträger und Strukturen mit, die heute unrealistisch geworden sind. Aber Strukturen und Autoritätsansprüche sind ja einmal von der Kirche aufgebaut worden. Und der Verweis auf das allgemeine Priestertum, auf die Mitverantwortung und Glaubenskompetenz aller wirkt oft nicht überzeugend, sondern der Not geschuldet.
Ich habe für all das keine Lösung. Allerdings eine hartnäckige Hoffnung, dass auch diese Entwicklungen ihren Sinn haben. Dass wir Altes hinter uns lassen. Dass wir neue Formen finden, uns auszutauschen über die zentralen Fragen des Lebens. Neue Formen, im Sinne des Evangeliums Gemeinschaften zu bilden und Gott zu verehren. Zu feiern, dass unsere Welt in Gott ist, und Impulse zur Verantwortung zu bekommen. Ich finde es sinnvoll, dabei auch die kirchlichen Strukturvorschläge als sinnvolle Möglichkeiten zu prüfen – was der Not – sprich dem Mangel an angestellten Mitarbeitern – entspringt, kann trotzdem Chancen haben. Und ich finde es sinnvoll, ohne Berührungsängste die Gemeinschaft mit Menschen zu suchen, denen am Glauben liegt.

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