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SWR2 Wort zum Tag

Heute, am 1. März, machten sich bis ins 19. Jahrhundert hinein vor allem Frauen auf den Weg. Sie suchten nach Märzwasser. Das ist Wasser aus Märzschnee oder auch Wasser aus einem Fluss, der Anfang März noch den geschmolzenen Winterschnee mit sich führt. Das Wasser des ersten Märztages galt als besonderes Wasser: Es macht angeblich gesund und soll etwa gegen Würmer helfen. Außerdem ist es ein Schönheitsmittel. Märzwasser, so der Glaube, ist gut gegen Sommersprossen, lässt Flechten und Schuppen verschwinden und macht die Haut rein. Heilkraft besitzt dieses Wasser angeblich auch bei Augenkrankheiten. Nicht genug damit. Märzwasser vertreibt sogar Ungeziefer. Man muss nur mit diesem besonderen Wasser die Wohnung putzen oder Schnee vom ersten März unter das Bett werfen. Schon ist man das Ungeziefer quitt. Wasser für fast alle Fälle also.
Doch schon die Lexika des 19. Jahrhunderts sind da skeptisch. Der Glaube ans Märzwasser passt nicht so recht ins Zeitalter der Aufklärung. So hält die »Oekonomische Encyklopädie« den Glauben an das Märzwasser für „lächerlich“.
Ich gebe zu: Auch ich bin skeptisch. Zumal ich Sommersprossen schön finde und Ungeziefer gibt’s bei uns zu Hause auch nicht. Trotzdem finde ich die Bräuche rund ums Märzwasser spannend. Denn Wasser verbindet sich ja grundsätzlich mit Leben. Das lässt sich jeden Morgen feststellen. Die Dusche oder ein Schwall Wasser ins Gesicht machen lebendig, erfrischen. Wasser ist wirklich elementar fürs Leben: Wenn ich etwa faste, kann ich aufs Essen verzichten, aber nicht aufs Trinken. Wasser muss sein, damit der Körper auch in der Fastenzeit nicht verrückt spielt. Aber Wasser ist mehr als nur biologisch wesentlich. In vielen Religionen steht Wasser für Reinheit, für einen Neuanfang. So kennen die Juden das rituelle Bad, den Hindus dient der große indische Fluss Ganges zur materiellen und spirituellen Reinigung. Und Christen taufen bis heute mit Wasser. Denn Wasser macht nicht nur von außen sauber, sondern steht für eine Erneuerung und Erfrischung überhaupt.
Das alles weiß ich – und denke doch meistens gar nicht daran. Wasser ist einfach da. Ich benutze es, trinke es, wasche mich damit. Und mache mir keine Gedanken dabei. Das Märzwasser hingegen lenkt den Blick auf alle Dimensionen des Wassers. Macht darauf aufmerksam, dass Wasser mehr ist als H20, dass Wasser ein Lebensmittel ist. Notwendig für das Leben in all seinen Dimensionen.
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