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SWR4 Abendgedanken RP

„Leben miteinander teilen – bis zuletzt“.
Das ist das Motto der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem Hospiz.

Seelsorge im Hospiz bedeutet nicht nur, dass man immer mit Tod und Sterben befasst ist. Es entfalten sich auch ganz bunte Lebensbilder vor einem, wo ich manchmal ganz fasziniert bin, was die Frau und der Mann alles erlebt hat.

Die Pfarrerin Gudrun Fahrner-Pippart arbeitet als Seelsorgerin im Haus Magdalena in Pirmasens. Das ist das erste stationäre Hospiz für die Region Weltpfalz.


Teil I
Der Flachbau mit den bodentiefen Fenstern hat etwas von einem Hotelbungalow, in dem Menschen ihren Urlaub verbringen. Draußen eine Grünanlage mit Teich, drinnen eine geschmackvolle Einrichtung. Große Ruhe empfängt einem, wenn man das Foyer betritt. Waisenhausstraße 1 in Pirmasens.
In der ehemaligen Schuhmetropole ist hier vor einem Jahr das Haus Magdalena eröffnet worden. Das stationäre Hospiz gehört zum Diakoniezentrum Pirmasens, eine traditionsreiche Einrichtung tätiger Nächstenliebe, die einst im 19. Jahrhundert als Prot. Waisenhaus gegründet wurde und mittlerweile Generationen umgreifend arbeitet.

Pfr. Norbert Becker, der theologische Vorstand des Diakoniezentrums:
„Leben teilen bis zuletzt“ ist unser Motto im Diakoniezentrum. Uns ist es wichtig, dass wir am Leben von anderen Menschen teilhaben. Wie es auch immer wieder deutlich wird, dass es ein Geben und ein Nehmen ist. Darin bildet sich für uns etwas ab, was wir glauben, dass Gott selbst unser menschliches Leben trägt. Und dass wir im Gegenzug dazu Anteil haben am göttlichen Leben. Und somit auch der Tod nicht das Letzte ist, was uns bevorsteht, sondern wir aus Gottes Hand kommen und in Gottes Hand gehen.

Im Pirmasenser Hospiz können sechs Menschen für die letzte Wegstrecke ihres Lebens aufgenommen werden. Das Haus ist fast durchweg belegt. Die Nachfrage nach einem Platz ist groß, es gibt Anfragelisten. Insgesamt verfügt Rheinland-Pfalz nur über 60 Betten in stationären Hospizen, und erst in Speyer, Saarbrücken und St. Wendel finden sich die nächsten Einrichtungen der stationären Hospizarbeit.
Aufgenommen werden können Menschen, die so krank sind, dass eine Heilung nach menschlichem Ermessen nicht zu erwarten ist. Das unterscheidet das Hospiz von einem Krankenhaus.

Die Hospizfachkraft Anita Stuppy:
Im Krankenhaus unterliegen die Menschen oft so einer ganz festgefahrenen Struktur, dass viele Dinge auch laufen müssen diagnostisch. Und es ist für Menschen, die jetzt eine unheilbare Erkrankung haben, einfach nimmer Thema. Die sind dort, weil es ihnen körperlich schlecht geht, weil sie Schmerzen haben oder andere Einschränkungen durch die Erkrankung und möchten natürlich auch geholfen kriegen, aber nicht mehr in der Weise, dass viele Untersuchungen laufen sollten, sondern eher, dass man Dinge macht, die erleichternd sind.

Das Hospiz bietet ist Palliativmedizin an. In dem Begriff steckt das lateinische Wort „pallium“, zu deutsch „Mantel“. Also eine medizinische Betreuung, die dem kranken Menschen einen bergenden Mantel umlegt, ihm in der letzen Phase seines Lebens einen Raum gibt, in dem er geschützt sterben darf.

Wer im Hospiz einen Platz findet, wird deshalb auch nicht Patient genannt, sondern ist ganz bewusst: ein „Gast“.

Anita Stuppy:
Für mich macht das ganz deutlich, dass es eine gleiche Ebene hat zwischen denen, die versorgen, und den Menschen, die da sind, die ein Stück weit ja auch ihre Bedürfnisse und Wünsche äußern dürfen. Für mich ist es eine Aussage der Beziehung zwischen den Menschen, die wir aufnehmen und uns als die Begleiter und Betreuer.

Teil II
Das Pflegeteam, das sich um die sechs Hospizgäste kümmert, besteht zurzeit aus 10 Personen. Sie kommen alle aus der Krankenpflege und haben sich z. T. durch eine palliativmedizinische Zusatzausbildung weiterqualifiziert. Eng arbeiten sie zusammen mit den Hausärzten der Gäste, mit Schmerztherapeuten und einer Seelsorgerin.
Auf was kommt es an bei der Versorgung der Menschen, die im Haus Magdalena leben und hier nicht Patienten, sondern Gäste genannt werden?

Anita Stuppy, Hospizfachkraft, erzählt mir die Geschichte einer sechzigjährigen Frau, die sie im letzten Jahr begleitet hat. Diese Frau kam direkt nach ihrem Krankenhausaufenthalt ins Hospiz, weil klar war, dass die Familie zuhause die anstehende Pflege nicht bewältigen konnte.

Aufgrund ihrer Erkrankung hieß es, sie kann nicht mehr sprechen. Sie kann nicht mehr schlucken. Sie ist fest bettlägerig. Kam auch entsprechend versorgt mit einer Ernährungssonde bei uns an, auch mit nem Katheder. Und ja, wir wussten ja net mehr als die Erkrankung, das Alter und was so in den letzten Tagen war.

Die Frau hat das, was um sie herum vorging, und die Menschen, die für sie da waren, genau beobachtet. Und Anita Stuppy hat den Eindruck gewonnen, dass sie auch vieles versteht, was mit ihr gesprochen wird.

Nach einigen wenigen Tagen haben wir gespürt, dass sich was verändert, und sie hat eigentlich uns angedeutet, dass sie manche Dinge, die wir tun, so nicht möchte. Sie wollte nicht diese Ernährung über die Sonde, sie wollte, dass der Arzt kommt, dass sie dem das nochmals klar machen kann. Sie hat auch angefangen zu sprechen, in wenigen Worten, wo wir sehr drüber erstaunt waren.

Und schließlich konnte diese Frau nochmals aus dem Bett aufstehen, war gehfähig. Der Hausarzt hat ihr versprochen, dass die Sonde nicht bedient wird, wenn sie das nicht will. Sie hat angefangen zu essen und zu trinken. Und konnte sogar noch dreimal für wenige Stunden nachhause.

Diese Erfahrung zeigt: Im Hospiz gibt es kein festes Schema, nach dem mit den Sterbenskranken umgegangen wird. Kein „richtiges“ oder „falsches“ Sterben.
Die Kranken selbst geben die Richtung an, in die es gehen soll. Sie geben das Tempo vor. Sie sind diejenigen, die führen. Die Mitarbeiter begleiten. Sie helfen dabei, dass jeder Gast auf seine ganz persönliche Art und Weise seinen Frieden findet. Und deshalb ist das Wichtigste bei der Betreuung im Hospiz: präsent und aufmerksam sein, und jeden Tag neu hingucken:

Was ist dran? Was ist bei dem Mensch dran, wo steht er in seiner Entwicklung, was benötigt er, wo müssen wir auch gucken, dass unsre Therapie, unsre Vorgabe vielleicht gar nicht so stimmt.

Erspüren, was dran ist. Das ist im Haus Magdalena nicht nur die Sache von hauptamtlichen Hospizfachkräften wie Anita Stuppy. Viele Ehrenamtliche arbeiten zwischenzeitlich im Pirmasenser Hospiz aktiv mit.

Teil III
Achtzehn Ehrenamtliche unterstützen mittlerweile die Hospizfachkräfte bei ihrer Arbeit. Sie kommen nach einem festgelegten Dienstplan regelmäßig vormittags und nachmittags ins Haus und stehen teilweise auch nachts als Sitzwache zur Verfügung.

Eine davon ist Christa Huck:
Ehrenamtlich bin ich seit Januar dabei. Bin einmal die Woche vier Stunden da.....Ich finde es sehr wichtig, dass man bei den Gästen sitzen kann, ihnen zuhören kann, einfach nur da sein, mal die Hände halten oder was zu trinken reichen.

Sieben Jahre lang hat sie ihren Schwiegervater daheim gepflegt. Inzwischen ist er verstorben, die Kinder sind aus dem Haus, und sie hat Zeit gefunden, sich in der Hospizarbeit zu engagieren. In einem Seminar, das über mehrere Monate gelaufen ist, hat sie sich zur Hospizhelferin ausbilden lassen.

Oft erzählen die Gäste von ihren Familien oder ihren Interessen, eigentlich sehr selten von ihrer Krankheit.... Das, was sie noch bewegt. Dass sie sich freuen, wenn ihre Kinder oder ihre Partner kommen.

Was die Ehrenamtlichen im Haus Magdalena tun, ist sehr wertvoll und wichtig. Bringen sie doch oft ein Stück Alltag in das Hospizleben hinein. Ob jemand einen bunten Blumenstrauß für die Wohnküche besorgt, die Spülmaschine ausräumt, mit jemandem, der noch mobil ist, draußen einen kleinen Spaziergang macht, wie immer die Ehrenamtlichen sich auch einbringen, sie erleben die Stunden im Hospiz als eine Bereicherung fürs eigene Leben.

Also für mich ist es eigentlich ein Wunder, dass ich net nur geb, wenn ich im Hospiz bin, sondern auch unwahrscheinlich viel zurückkriege. Von kranken Menschen, von diesen Gästen bekomm ich Kraft.

Die Kraft geht dabei manchmal sogar von den Situationen aus, denen viele normalerweise am liebsten ausweichen möchten.

Also letztes Jahr bei der Hospitation hab ich das Sterben einer Frau miterlebt. Dieses würdevolle Sterben und dieses Danach, wie die Frau gewaschen wurde, frisch angezogen wurde. Und wie die Frau Stuppy halt immer mit ihr weiter erzählt hat, diese Frau war gestorben, aber trotzdem noch präsent. Also ich bin nach Hause gegangen und hab zu meinem Mann gesagt: Wenn ich schwer krank bin, bring mich bitte dorthin! Dieses würdevolle Gehen, das hat mich sehr berührt.

Natürlich, auch im Haus Magdalena stirbt nicht jeder Gast in Frieden mit Gott und Welt. Manche hadern und kämpfen bis zum Schluss, sind am Ende ihres Lebens voller Angst. Und das ist für ehren- wie hauptamtliche Begleiter eine der größten Herausforderungen, meint die Hospizfachkraft Anita Stuppy:

Für uns heißt es: trotzdem da zu bleiben, obwohl‘s manchmal fast unerträglich ist. Und mir hilft dann auch einfach, so bei mir zu gucken: Wo hab ich meinen Halt, wo ist mein Grund? Damit ich an diesem Bett auch weiter bleiben kann.

In der Überlieferung des Evangeliums stirbt Jesus mit einem verzweifelten lauten Schrei. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und doch war Gott da, sagt der Glaube. Und er ist dabei geblieben, auch wenn vordergründig nichts von ihm zu spüren war. Es ist Ostern geworden. Das mag mit der Grund sein, warum man dem Pirmasenser Hospiz den Namen „Haus Magdalena“ gegeben hat.

Norbert Becker, der theologische Vorstand des Diakoniezentrums:
Magdalena, Maria Magdalena ist eine Frau, die Jesus begleitet hat. Die auch unter dem Kreuz stand. Und die durch dieses Leiden hindurch zur ersten Zeugin für den Auferstandenen, für das Leben wurde. In ihrer Person selbst: einmal das Leiden bildet sich ab. Aber auch die Treue zum Leben. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7787