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SWR2 Wort zum Tag

Nein, ich bin ganz bestimmt kein glühender Anhänger der närrischen Tage. Aber der schmutzige Donnerstag fasziniert mich dennoch irgendwie. Letzte Genussmöglichkeit vor der Fastenzeit – so lässt sich für mich das Motto dieses Tages beschreiben. Grund dafür die Tradition, der er sich verdankt. Schmutzig oder schmotzig - das ist ein altes Wort für fettig. Denn im Mittelalter war der Donnerstag vor dem Aschermittwoch der letzte Tag, an dem geschlachtet und gebacken werden durfte. Der Brauch des Backens an diesem Tag hat sich manchorts bis in unsere Tage fortgesetzt. Wenn ich an die in siedendem Fett gebackenen Fasnetküchlein meiner Kindheit denke, habe ich immer noch deren einmaligen und besonderen Geruch in der Nase.

Die Fastenzeit haben viele Menschen längst wieder neu entdeckt. Und an Ratgebern, worauf ich in diesen sieben Wochen alles verzichten könnte, herrscht kein Mangel. Aber wo finde ich Hilfe für das gegenteilige Programm? Gib es auch den kleinen Genussratgeber?

Der ist gänzlich unnötig, höre ich mache sagen. An den vielen kleinen Verführern, die uns zum Genuss verlocken, herrscht doch kein Mangel. Wir bemühen uns doch jeden Tag aufs Neue, nicht unter die Räder ungezügelten Genusses zu kommen.

Ich finde, unnötig ist ein kleiner Genussratgeber ganz und gar nicht. Denn nicht der übermäßige Genuss ist die Kunst. Sondern der befreiende Genuss. Der Genuss im Kleinen. Damit es überhaupt ein Genuss ist. Und nicht etwa Völlerei. Nur wer richtig genießen kann, kann am Ende auch vergnügt fasten. Der heutige schmutzige Donnerstag bietet dafür eine ideale Gelegenheit. Gelegenheit, das, was ich ab dem kommenden Mittwoch loslassen will, noch einmal mit Lust auszukosten. Es mir im wahrsten Sinne des Wortes auf der Zunge zergehen zu lassen. Ob in Gestalt von Schokolade. Einem guten Glas Wein – oder etwa einem Fastnachtsküchlein. Wichtig ist, dass ich das Programm des schmutzigen Donnerstags recht verstehe. Und genieße! Denn darauf kommt es an.

Sündige tapfer, hat Martin Luther einmal geschrieben. Um das Sündigen geht es hier zwar nicht wirklich. Aber genieße tapfer! Das wäre sicher im Sinne Luthers. Darum will ich mir heute an einem konkreten Beispiel ganz bewusst gönnen, was sonst so selbstverständlich ist, dass ich es kaum mehr wahrnehme. Und was nach dem Aschermittwoch dann auch einmal warten kann. Diesen schmutzigen Donnerstag - diesen Festtag der Genießer – ich will ihn heute zu seinem Recht kommen lassen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7712