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SWR2 Wort zum Tag


Man kann alles sagen – jederzeit und in allen Tonlagen. Kein Wort ist zu plump oder zu spontan, dass es nicht erlaubt wäre. Die Worte können Freude, Jubel, Glück, aber auch Ratlosigkeit, Sorge, Schmerz, Verzweiflung, Wut ausdrücken. Sie können Dank, Bitte und Klage sein. Es gibt vielleicht Menschen, mit denen man so reden kann. Es müssen sehr nahe Menschen sein, die einen verstehen, auch wenn Befremdliches aus einem heraus bricht. Aber selbst ihnen wird man in der Regel nicht alles zumuten können. Und gegenüber nicht so nahen Menschen ist Zurückhaltung geboten. Mit Gott kann man so reden. Beten kann man in allen Tonlagen, im Gebet wirklich jederzeit alles sagen. Es ist möglich, weil ich glaube, dass Gott mich kennt, mich versteht und mich liebt.

Und doch kann das Gebet verstummen. Manche haben es ganz aufgegeben. Persönliches Leid hat ihnen den Mund verschlossen; schreckliche Ereignisse wie vor kurzem in Haiti oder einfach das Gefühl, dass man beim Beten wie gegen eine verschlossene Tür anrennt und nicht gehört wird, haben stumm gemacht. Allerdings haben Menschen immer wieder gerade im Leid das Beten gelernt und dadurch die Hoffnung nicht verloren. Und kann das Empfinden, wie gegen eine verschlossene Tür anzurennen, nicht auch Täuschung sein? Wird bei anhaltendem Beten die Tür nicht aufgehen? Jesus hat es jedenfalls so gesehen. Er hat die Geschichte von dem Mann erzählt, der in der Nacht überraschenden Besuch erhalten, aber nichts im Haus hat, seinen Gast zu versorgen. Also klopft er um Mitternacht an die Tür seines Freundes und bittet ihn, ihm mit Brot auszuhelfen. Der will aber die Tür nicht aufwachen; seine Kinder schlafen, und er selbst liegt auch längst im Bett. Sein Freund klopft aber weiter, und es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als seine Tür zu öffnen. Klopft an, so wird euch aufgetan, ist Jesu Rat zum Gebet. Es ist die Aufforderung zum Vertrauen, dass man, auch wenn es nicht so aussieht, gehört wird.

Und wenn es schwer fällt, dieses Vertrauen aufzubringen und einem die Worte für ein Gebet fehlen? Dann kann man sich feste Zeiten für das Beten nehmen, z.B. am Morgen und am Abend. Man kann nach Gebeten greifen, die schon formuliert sind und sich bewährt haben, am ersten nach dem Vaterunser. Und man Orte aufsuchen, wo Andere mit beten. Luther meint: das Gebet ist nirgends so kräftig und stark, als wenn der ganze Haufe einträchtig miteinander betet. Man kann so zu der Erfahrung zurückkehren oder sie neu machen, dass man Gott wirklich alles und mit allen Worten sagen kann und kann auch gegen den Augenschein glauben, dass man gehört wird.

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