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SWR2 Wort zum Sonntag

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!
„Mit Beten allein kann man die Welt nicht verbessern.“ Solche oder ähnliche Reaktionen hört man immer wieder, wenn Vertreter der Kirche sich in aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen einschalten. Das klingt plausibel vor allem, wenn man die drängende Not und Ohnmacht so vieler Menschen weltweit vor Augen hat. Tatkräftiges Handeln ist angesagt. Niemand kann die Augen vor Terror und Elend, vor Demütigung und Unterdrückung, und sei das noch so weit entfernt, einfach verschließen. Und wer sich mitten in die Nöte, Spannungen und Konflikte hineinbegibt, muss entscheiden, muss handeln, auch wenn die äußere Situation zu schier unlösbaren inneren Konflikten führt. Er hat Verantwortung übernommen und kann sich nicht einfach herausziehen.
„Beten allein genügt nicht.“ Auch als Kirche mischen wir uns ein in die Fragen unserer Zeit. Unser Glaube fordert von uns ein Engagement in der Gesellschaft. Der christliche Glaube trägt in sich die Option für die Armen – und er muss sich immer wieder an diesem Maßstab messen lassen. Die Fragestellung, was ein Glaube ohne Werke, ohne tatkräftiges Engagement wert sei, hat schon in den frühchristlichen Gemeinden für ziemlichen Wirbel gesorgt. Im Jakobusbrief lesen wir: „Was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch! ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das?“ (Jak, 2,14ff) Das sind deutliche Worte.
Aber wir sollten vorsichtig sein, diese Worte einfach mit der Parole „Beten allein genügt nicht“ gleichzusetzen. Dahinter stecken nicht selten ein ironisch-misstrauisches Herunterspielen der Wirkkraft von Glauben und Gebet und ein fatales Überschätzen der eigenen, menschlichen Kräfte und Machbarkeiten. Der Menschheit wäre so manches Abenteuer schier unlösbarer Gewaltverstrickung erspart geblieben, wenn man sich im biblischen Sinn in das Gebet vertieft hätte – und sich von den Möglichkeiten und den Wegen des lebendigen Gottes her den eigenen Weg hätte weisen lassen.
Beten macht demütig, aber nicht untätig. Im Gegenteil. Papst Benedikt hat das in seiner ersten Enzyklika am Beispiel von Mutter Theresa aufgezeigt. Er schreibt: „Das Gebet als die Weise, immer neu von Christus her Kraft zu holen, wird hier zu einer ganz praktischen Dringlichkeit. Wer betet, vertut nicht seine Zeit, selbst wenn die Situation … einzig zum Handeln zu treiben scheint. Die Frömmigkeit schwächt nicht den Kampf gegen die Armut oder sogar das Elend des Nächsten. Die selige Theresa von Kalkutta ist ein sehr offenkundiges Beispiel dafür, dass die Gott im Gebet gewidmete Zeit dem tatsächlichen Wirken der Nächstenliebe nicht nur nicht schadet, sondern in Wirklichkeit dessen unerschöpfliche Quelle ist.“ (DCE, 36)
Ich habe das Beten von meiner Mutter gelernt. Vier Kinder hat sie großgezogen und manche schwere Situation bewältigt. „Das Gebet gibt mir die Kraft dazu.“ sagt sie. Ihr Glaubensbekenntnis hat mich schon früh dagegen immunisiert, dass es eine fromme und eine reale Welt gebe, die beide wenig miteinander zu tun hätten. Hier war die ganz reale auch die fromme Welt – und genau das war so überzeugend und so wirksam.
„Beten allein genügt nicht.“ Diese Parole hat etwas Richtiges in sich – und doch ist sie auch auf fatale Weise falsch. Sie wird vor allem dann angewendet, wenn man begründen will, warum in schweren Konfliktsituationen eine reine Gesinnungsethik nicht ausreicht. Natürlich gibt es immer wieder Situationen etwa der Gewaltanwendung in Notwehr oder zur Verteidigung wesentlicher Grundrechte und ist ein solches Handeln bei strikter Anwendung der die Gewalt einschränkenden Regeln verantwortbar. Aber jedes Mal ist damit auch eine menschliche Niederlage verbunden, mitten in den Handlungszwängen zeigt sich eine tragische Ohnmacht. Den Teufelskreis durchbricht nur das eine: „Hier hilft nur beten.“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=7605