Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP


Im Mittelalter ging heute, am 28. Dezember, die Post ab. Karneval war angesagt – in Schulen und Klöstern. Verkleiden inklusive. Höhepunkt der Fete: Die Schüler an den Kloster- und Domschulen wählten aus ihren Reihen einen Bischof. Der ließ ein gewaltiges Fest steigen und führte einen pompösen Umzug durch die ganze Schule an. Es heißt, dass dieser falsche Bischof sogar Gottesdienste leitete.
Klar, dass der Kirche dieser wilde Karneval gegen den Strich ging. Aber trotz aller Verbote, das Fest hielt sich hartnäckig. Bis in die Neuzeit hinein stellten Kinder in Klosterschulen am heutigen Tag die gewohnte Ordnung für ein paar Stunden auf den Kopf.
Hintergrund des nachweihnachtlichen Karnevals ist das Fest der unschuldigen Kinder, dass in den Kirchen heute gefeiert wird. In der Bibel wird erzählt: König Herodes lässt alle neugeborenen Kinder umbringen (Matthäusevangelium 2, 16). Sein Ziel: Jesus, der als neuer König angekündigt ist, soll aus dem Weg geräumt werden. Keine Konkurrenz mehr für den regierenden König. Das blutige Gemetzel aber verfehlt seinen Sinn. Der gerade geborene Jesus ist schon längst mit seinen Eltern geflohen und entkommt.
Heute wissen wir: Das ist keine historische Erzählung. Das ist eine Geschichte um Macht und Ohnmacht. Da ist der mächtige König, der Angst vor einem kleinen Kind hat. Eine Angst, die jeder Mensch kennt. Die Angst, einmal keine Macht, keine Bedeutung mehr zu haben. Die Angst, einmal abtreten zu müssen.
Die Party im Mittelalter macht das ziemlich handfest deutlich. Sagt spielerisch: Wir Kinder übernehmen eines Tages die Macht. Und daran wollen viele nicht erinnert werden. An das Ende ihrer eigenen Macht.
Mir aber hilft’s heute. Weil es mir sagt: Nimm dich nicht so wichtig. Egal, was du im Moment auch machst oder bist, auch du kommst an ein Ende. Aber das ist kein Grund zur Verzweiflung, das Leben geht trotzdem weiter. Andere übernehmen irgendwann meine Aufgaben und meine Verantwortung. Und das wieder ist doch eine ganz schöne Aussicht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7473