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SWR2 Wort zum Tag

Glaube an Gott, was ist das? Unter den vielen möglichen Antworten auf diese Frage lässt eine besonders aufhorchen. Der indische Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore formuliert sie so: „Glaube ist wie der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist“. Im Dunkel ein Lied anstimmen, in der Finsternis nicht stumm bleiben - aus einigen Liedern, die wir im Advent und an Weihnachten singen, spricht dieser Glaube. „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ ist eines dieser vertrauten Lieder. Wächter rufen den Bewohnern der Stadt Jerusalem zu, sie sollen aufstehen, noch in der Nacht, und die Lampen nehmen. Zum Himmel schauen sollen sie. Von den Sternen sollen sie lernen, die noch im Dunkel der Nacht bereits das Kommen des neuen Tages ankünden.
„Wachet auf, ruft uns die Stimme“, Text und Melodie dieses Liedes stammen von Philipp Nicolai, damals, im Jahr 1597, Pfarrer in der Stadt Unna in Westfalen. “Die Pest wütet furchtbar“ – so schreibt er an seinen Bruder – „täglich werden 14 bis 20 Menschen beerdigt“. Der Pfarrer begleitet die Menschen, er bestattet die Toten. Und, für uns kaum nachvollziehbar: Er dichtet und komponiert dieses Lied. Die Menschen, die er in den Schrecken dieser Tage begleitet, und er selbst auch, sollten in der Finsternis nach einem Lichtstrahl Ausschau halten, sie sollten ihren Lebenswillen nicht aufgeben, ihre Hoffnung, die in jenen Tagen damals sonst keinen Halt mehr finden konnte.
Sterben und Vergehen sind nicht die ganze Wirklichkeit; es gibt ein Davor und es wird ein Danach geben, daran ließ sich Philipp Nikolai durch das Zeugnis der Christen erinnern, die vor ihm in den Widersprüchen des Lebens standhielten, ohne die Hoffnung auf Gottes Zusagen aufzugeben. „Ihr tut gut daran“ - sagt im Neuen Testament der Autor des 2. Petrusbriefes – „Ihr tut gut daran, das Wort der Verkündigung vor Augen zu haben wie eine Leuchte, die an dunklem Ort scheint, bis der Tag anbricht und das Morgenlicht aufgeht in euren Herzen.“
Der Pfarrer und Dichter Philipp Nikolai war wach für die Spannung von Not und Jubel, von Finsternis und Licht, von Nacht und Morgendämmerung, und so entstand sein Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Offene Augen zu haben für die Wirklichkeit, auch dort, wo sie schrecklich ist und offen zu sein für die Wirklichkeit Gottes – das zeigt sein Beispiel. „Glaube ist wie der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist“ – dieser Glaube kann vielleicht nur singend zum Ausdruck gebracht werden - und so den Trost schenken, der nicht vertröstet.
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