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SWR2 Wort zum Tag

Auf den Weihnachtskarten, die wir in diesen Tagen schicken oder bekommen, sind oft Gesichter zu sehen, Gesichter, die mit großer Aufmerksamkeit auf das neugeborene Kind in der Krippe schauen: Maria, Josef, die Hirten, die drei Weisen. Sie sind ergriffen, und vieles malt sich ab in ihrem Blick. Sie schauen: zögernd, erstaunt, nachdenklich, mit vielen Fragen, aber auch voller Freude.
Die Bilder zeigen nicht nur, was damals geschehen ist: eine Frau, die ein Kind zur Welt gebracht hat – unter ärmlichen Verhältnissen. Die Bilder lenken den Blick so, dass er sich mit den Blicken derer verbindet, die das Kind betrachten. Die Menschen auf den Bildern laden ein, ihren Blicken zu folgen und sich zu versenken in das Antlitz des Kindes, so wie sie es tun: Maria, Josef, diejenigen die hinzukommen. Sie nehmen den Betrachter mit und lenken seinen Blick, damit er weitergeht und in dem kleinen Kind das Leben des erwachsenen Menschen Jesus von Nazareth ahnt. Er wiederum weist über sich hinaus als Bild des unsichtbaren Gottes. Die Gesichter derer, die auf das Kind in der Krippe schauen, laden ein, auf der Suche zu bleiben nach dem, was nicht gezeigt werden kann: sie laden ein, im Kind von Bethlehem den zu erkennen, der von oben kam, vom Himmel, uns geschenkt von Gott her.
Paulus hat die Botschaft von der Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth in so kurze Formeln gefasst wie: Gott hat uns „zur Kenntnis gebracht“, wer er ist (1 Tim 3,16), er wird „ins Licht gerückt“ durch seinen Sohn. (Eph 1,9;3,9). Etwas ausführlicher ist seine Weihnachtspredigt im Brief an die Galater, es ist die wohl älteste, die wir kennen, aus den 50er Jahren des ersten Jahrhunderts: „Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, und dem Gesetz unterstellt, damit er die frei kaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir als Söhne und Töchter angenommen würden. Weil ihr nun Söhne und Töchter seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, den Geist, der ruft: Abba, Vater. (Gal 4, 4-7)

Der Text ist knapp und dicht, er hält sich an die Fakten: Eine Frau, Maria, hat ein Kind geboren, Jesus von Nazareth. Gleichzeitig betrachtet Paulus dieses Ereignis mit den Augen des Glaubens: Gott hat seinen Sohn gesandt, damit wir erkennen, wer wir in Wirklichkeit sind. Das Wunder hört ja nicht damit auf, dass Gott Mensch wird. Es beginnt erst. Denn es ist ein Wunder, wenn Menschen sich an Jesus orientieren und sich als Töchter und Söhne erkennen und damit auch untereinander als Geschwister. Damit fängt das Wunder erst richtig an.

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