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SWR2 Wort zum Tag

02DEZ2009
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Licht

von


Eine Ausstellung in Berlin, Kunst des 20. Jahrhunderts. Als letztes Werk eine Arbeit von Gerhard Merz. Ein gänzlich leerer Raum, strahlend hell erleuchtet durch Neonröhren, fast schmerzte es in den Augen. Bevor man ihn betrat las man: Die Nacht ist fortgeschritten, der Tag nähert sich. Befreien wir uns also von den Werken der Finsternis, kehren wir zurück zu den Waffen des Lichts.
Adventliche, biblische Worte des Apostels Paulus in einer modernen Ausstellung. Beim Durchschreiten seines lichterfüllten Raums dachte ich: Woher nimmt dieser Künstler diese Wahrnehmung, diese Hoffnung? Ein Lichtraum, überraschend. Wer die Ausstellung durchschritt, erwartete am Ende anderes. Da sind die kraftvollen Werke, die zu Anfang des Jahrhunderts entstanden, Nolde und Kirchner und Beckmann, um nur einige zu nennen. Und dann bricht es ab, mit dem Nationalsozialismus. Und Künstler werden vertrieben, ermordet, ihre Werke zerstört. Mit war zum Weinen zumute, ich merkte, wie schwer es Künstlern wurde, danach zu einer neuen, eigenen Kunstsprache zu kommen. Gerhard Merz ist das - für mich beeindruckend - gelungen.
Es gibt Menschen, die, obwohl sie um die Dunkelheit der Nacht wissen, um die Abgründe der Welt, das Licht erkennen können, die es sehen können, strahlend hell. Ich spüre: Wir brauchen solche Menschen, die erkennen, wo ich nur schwarz sehen kann, die mir das Licht zeigen: Die Nacht ist fortgeschritten, der Tag nähert sich. Wir brauchen Menschen, die tiefer und weiter sehen können, prophetische Menschen. Künstler können Licht sehen, so hell, dass es fast weh tut. Ich ahne: Das kann auch schwer sein, wie ein Kampf, und für einen Kampf rüstet man sich ja auch mit Waffen. Die Dunkelheit gibt sich nicht so einfach geschlagen. Nur mit Licht kann ich ihr entgegentreten.
Es ist kein Licht, das aus uns kommt. Es kommt von außen. Quasi vom Ende der Zeit leuchtet es zurück in unsere Gegenwart. Oder auch quer, oder gebogen, oder wie immer auch unsere Zeit aussehen mag. Jedenfalls von der Grenze dieser Zeit leuchtet das Licht in unsere Gegenwart.
Und wenn es uns erscheint, dann verwandelt es die Perspektive. Advent kann die Perspektive auf das eigene Leben verändern, will es verwandeln. Unser dunkles Leben. Unser pessimistisches, verkrümmtes, niedergedrücktes Leben wird erleuchtet.
Das Licht - am Ende erstrahlend - bestimmte die Botschaft: Licht.

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