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SWR2 Wort zum Tag

Wie sieht Gott für euch aus? Das habe ich meine Schüler gefragt. Sie sollten ein Bild malen, das ihre Vorstellung von Gott ausdrückt. Die Schüler haben sich sehr schwer getan. Und weil sie auch keine Lust hatten, fiel ihnen gleich ein Argument ein: Wir dürfen uns doch gar kein Bild von Gott machen.
Stimmt, das kann man so aus der Bibel herauslesen, aber ich komme mit Gott nicht gut zu Recht, wenn ich ihn mir nicht vorstelle, z. B. als gütigen Vater oder als barmherzige Mutter. Für das Volk Israel war ja vor allem wichtig, dass ein Bild von Gott nicht in Gold gegossen werden sollte. Gott kann man nicht in einem Bild festlegen. Er verändert sich in meinem Leben oder besser gesagt: unsere Beziehung verändert sich. Auch das Volk Israel hat ihn immer wieder anders erfahren, mal als Retter, mal als denjenigen, der für Gerechtigkeit sorgt, sogar einen eifersüchtigen Gott haben sie erlebt. Israel glaubte an einen Gott, der für alles zuständig war. Wenn man ihn mit einer Statue als Fruchtbarkeitsgöttin oder als Kriegsgott dargestellt hätte, wäre man ihm nicht gerecht geworden. Ins babylonische Exil verschleppt, haben die Israeliten die Schöpfungsmythen anderer Völker kennen gelernt. Um diese Zeit sind auch die biblischen Schöpfungsgeschichten entstanden, aber es spielen darin eben kein Urgottheiten eine Rolle, sondern wieder nur der eine Gott.
Für Israel sind immer wieder andere Seiten des einen Gottes wichtig. Und für mich ist es ähnlich. An einem schönen Sommertag bin ich Gott, dem erfindungsreichen Schöpfer dankbar. In einer Nacht, in der ich mir Sorgen mache oder Angst habe, ist Gott eher ein fernes Wesen, das ich nicht spüre, von dem ich aber glauben möchte, dass er an meiner Seite ist.
Dieses Gesamtbild von Gott, das eben kein Bildnis ist, finde ich wieder im biblischen Buch des Propheten Jesaja. Zum Ende des babylonischen Exils, lässt der Prophet Gottes Stimme hören. Während die babylonischen Götter zusammenbrechen und als schwere Last von Tieren getragen werden müssen, ist es bei Israels Gott umgekehrt: das Volk Israel ist die Last, die er trägt. So einen aus Gold gemachten Gott trägt man herum und stellt ihn dann wieder auf seinen Platz. Dann rührt er sich nicht von der Stelle. Ruft man ihn an, so antwortet er nicht; wenn man in Not ist, kann er nicht helfen Beim Gott Israels ist es eben umgekehrt, und das sagt er durch Jesaja seinem Volk und damit auch mir zu: „Ich bleibe derselbe, so alt ihr auch werdet. Bis ihr grau werdet, will ich euch tragen. Ich habe es getan, und ich werde euch weiterhin tragen, ich werde euch schleppen und retten.“
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