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SWR2 Wort zum Tag

In eindrucksvollen Erzählungen stellt uns die Bibel Bilder von Gott vor Augen. So lese ich im Alten Testament von einer Gotteserfahrung des Propheten Elija. Er hatte für Gott gestritten, hatte im Auftrag Gottes gegen Götzendienst und den Machtmissbrauch der Könige gekämpft. Jetzt ist er an Leib und Leben bedroht, verzweifelt, resigniert. Auf der Flucht vor seinen Verfolgern übernachtet er in einer Höhle am Berg Horeb. Da ruft ihn Gott: „Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn!“ Und dann heißt es: „Da zog der Herr vorüber: ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam etwas wie ein sanftes, leises Wehen. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.“ (1 Kön 11-13a)
Mich hat dieser Text schon immer bewegt. Er ist verankert in der weit zurück liegenden Geschichte des biblischen Israel. Unabhängig davon hat er viel damit zu tun, wie ich heute mit den Erfahrungen meines Lebens umgehe, wie ich Sinn darin finden kann, wie ich Gottes Wirken darin ahnen kann. Gerne möchte ich auf der Siegerstraße sein, mich durchsetzen, meinen Verpflichtungen und Aufgaben so gut gerecht werden, dass ich erfolgreich und anerkannt bin. Dann halte ich mein Leben für geglückt und sinnvoll. In Scheitern und Misserfolg kann ich nur schwer einen Sinn erkennen. Und manchmal bin ich versucht, mich in die dunkle Höhle der Resignation zurückzuziehen.
Aber die biblische Erzählung von Elija sagt mir etwas anderes. Sie stellt mir einen Gott vor Augen, der sich nicht im Spektakulären, im faszinierend Großartigen, im weltbewegend Stürmischen zu erkennen gibt. Sondern im vollkommen Unscheinbaren, in etwas, was kaum wie ein leises Wehen wahrnehmbar ist – darin will er mich ansprechen. Gerade darin kann sich mein Leben als sinnvoll erweisen, gerade darin kann es sein, dass der verborgene Gott mir begegnen will, wo ich meine Tage als nutzlos und mein Leben als fragwürdig betrachte. Wo ich mir unwert vorkomme und zu resignieren drohe.
Das ist oft schwer zu erkennen; und noch schwerer ist es, mir dies einzugestehen. Ich muss schon aus der Höhle meines vergrabenen Vertrauens heraus treten und mich gerade diesem Anruf öffnen. Und es kann auch sein, dass es mir lange verborgen bleibt; dass ich erst spät – im Nachhinein – ahne: Gott hat mich angerührt, mein Leben war sinnvoll, gerade auch da, wo ich es am wenigsten gedacht hätte.

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