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SWR2 Wort zum Tag

Das Wort Gnade ist zur Zeit oft zu hören. Es spielt eine Rolle in den gegenwärtigen Diskussionen um die Freilassung von RAF-Terroristen.
Es ist so vieles abzuwägen in dieser Diskussion. Es geht darum, dass der Staat angemessen und abschreckend straft. Es geht darum, die Gesellschaft vor möglicherweise weiterhin gewaltbereiten Verbrechern zu schützen. Es geht auch um Aufklärung, und es geht um die Gefühle der Opfer, in diesem Fall der Angehörigen Ermordeter. Viele wissen bis heute nicht, durch wen und unter welchen Umständen Verwandte und Freunde umgekommen sind. Aber in einem Rechtsstaat ist auch die Würde der Täter und ihre Lebensperspektive im Blick, ohne dass die Täter plötzlich mehr Aufmerksamkeit erhalten dürften als die Opfer.
Die deutsche Rechtsprechung kennt keine Todesstrafe. Und sie will auch Schwerverbrecher nicht unbedingt strafen bis zum Tod, selbst wenn der juristische Begriff „lebenslänglich“ das vermuten lässt.
Ich sehe hier eine weise Selbstbegrenzung. Gerade schwere Verbrechen wie Mord lassen sich nicht vollständig sühnen. Irgendwann lässt sich Sühne nicht mehr steigern, indem jemand noch länger im Gefängnis bleibt.
Ich sehe hierin einen guten Grund, Menschen zu begnadigen, unter der Voraussetzung, dass alle andern Fragen geklärt sind, vor allem die Frage, ob jemand weiterhin gewaltbereit ist, und wie die Tat abgelaufen ist. Eine Justiz, ein Staat erkennt an, dass ein Verbrechen nicht vollständig zu sühnen ist. Ein, zwei, fünf, mehr Jahre bringen nicht mehr Sühne, bringen keine qualitative Steigerung der Sühne. Dass ein Staat dann auf weiteres Strafen verzichtet, kann gesehen werden als ein Akt der Größe, ein Akt der Menschlichkeit. Die Strafwürdigkeit des begangenen Verbrechens wird damit nicht vermindert oder verdunkelt.
Vielleicht ist ganz vorsichtig noch ein anderer Gedanke möglich, nämlich der, dass jeder Mensch schuldig wird, jeder in seinem Leben der Gnade bedarf. Wir leben alle davon, dass uns unverdient verziehen wird, dass man uns nicht auf immer und ewig festlegt auf eine bestimmte Schuld. Natürlich lassen sich Mord und Terrorismus nicht vergleichen mit alltäglicheren Formen von Schuld. Was aber gleich ist: dass jeder Mensch auch von Gnade lebt. https://www.kirche-im-swr.de/?m=689