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SWR2 Wort zum Tag

„Brot ist wichtig, die Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten aber die unverratene Treue und Anbetung.“ (IV 236). Wieder so ein Spitzensatz aus den Gefängnisaufzeichnungen Alfred Delps, die vor 60 Jahren entstanden. Der Katholik, der sich zusammen mit evangelischen Christen um die Zukunft Deutschlands sorgt und dem Faschismus entgegenarbeitet, meditiert im Gefängnis das Vaterunser. „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Das hat für ihn einen brutal konkreten Beigeschmack, wie für so viel Hungernde in dieser Welt auch heute. „Man kann“, so notiert Alfred Delp, „aus dem Brot ein Idol und aus dem Bauch einen Götzen machen. Ja, aber man muss einmal gehungert haben, wochenlang. Man muss einmal erlebt haben, dass einem ein unerwartetes Stück Brot wie eine Gnade vom Himmel zukommt. Man muss gespürt haben diesen Einfluss des Hungers auf jede Lebensregung, um die Ehrfurcht vor dem Brot und die Sorge um das Brot wieder zu lernen.“ (IV 235). Am eigenen Leibe spürt Delp, wie sehr wir die materielle Basis brauchen. „Brot ist wichtig, - aber die Freiheit ist wichtiger“.
Auch das ist für den gefangenen Widerstandskämpfer schmerzhaft konkret: Freiheit als Befreiung von Fesseln, von Unterdrückung und Bevormundung. Ein Thema, das unsereiner kaum zu kennen scheint. Man müsste dann schon mit Amnesty International zusammenarbeiten oder Gefangene konkret begleiten. Nicht wenige freilich sagen, dass es auch so etwas wie eine Gefangenschaft im Konsumdenken gibt, im Genuss- und Erlebnispark. Arbeiten, Ausruhen, Shoppen und Konsumieren: soll das alles gewesen sein? Auch eine Art Gefängnis mit ausführlichem Freigang? Delps ganze Theologie sammelt sich in dem Programmwort: Freiheit. Eine ganze Programmschrift hatte er geschrieben über den Dritten Weg zwischen Kollektivismus roter und brauner Färbung einerseits und liberal-bürgerlichem Individualismus andererseits: Freiheit, so seine Botschaft, aber in Beziehung und als Solidarität. Delps dritter Weg hat als Leitbild jene Freiheit, die sich binden kann und die sich schöpferisch verausgabt für das Gemeinwohl, für das gerechte Leben aller. Personalen Sozialismus nannte er das.
Am wichtigsten aber ist die ungebrochene Treue und die unverratene Anbetung! Jeder Mensch braucht etwas zum Anbeten - die Frage ist nur was. Unverraten ist die Anbetung dann, wenn sie den lebendigen Gott von den Götzen unterscheidet. Anbetung heißt: Gott Gott sein lassen, ihm die Ehre geben, und gerade dadurch Mensch werden, Mitmensch und Mitgeschöpf. Brot – Freiheit – Anbetung: sie sind für Delp kein Gegensatz, sie gehören innerlich zusammen.
Welch ein Vermächtnis, welch ein Programm, auch heute!
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