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SWR2 Wort zum Tag

„Innerlich habe ich viel mit dem Herrgott zu tun und zu fragen und dran zu geben. Das Eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen, wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt … für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“ (IV 26)
Wie kommt ein Mensch dazu, solche Sätze zu schreiben? Da kommt uns eine ungeheure Zuversicht entgegen, die kaum zu glauben ist: Die Welt ist Gottes so voll, die banalen Tagesereignisse sind gotthaltig und segensträchtig, welch eine verrückte Zuversicht! Solche Sätze scheinen zwar in der gegenwärtigen Psycho- und Spiritszene wohlfeil: alles ganzheitlich, alles gotterfüllt, alles gesegnet — wunderbar. Aber der Alltag, die Realität?
Es war am 17. November 1944, also vor mehr als 60 Jahren, dass der Jesuit Alfred Delp diese Zeilen heimlich aus dem Nazi-Gefängnis in Berlin schmuggeln konnte. Mit dem drohenden Hinrichtungstod kämpfend, und bis zuletzt — leider erfolglos — aufs Überleben hoffend, schreibt dieser Christenmensch von der Gottesfülle der Realität, von der Gottesgegenwart in allen Dingen — wohlgemerkt, auch im Gefängnis, mit gefesselten Händen, inmitten von Nazi-Unrecht und Terror. Nochmals: Wie kommt solch ein Mensch, dem jede Weltflucht und Schöngeisterei fremd ist, zu solch mutigen, ja mystischen Formulierungen? „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.“ „Schön wär’s“ — schreien die Stimmen förmlich in mir. Wie viel Frust vielleicht auch heute Morgen, wie viel Anstrengung jedenfalls, ganz zu schweigen vom Hunger und Unrecht in der Welt — und dann diese förmlich verrückte Betonung: Die Welt ist Gottes so voll. Delp hat den Brunnenpunkt gefunden, die Mitte und Fülle.
„Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt … für alles Schöne und auch für das Elend.“ Die Diagnose von Delp damals scheint mir durchaus aktuell: Unsereiner ist immer in Gefahr, an der Oberfläche zu bleiben, weder die Ekstase des Glücks noch der Abgrund des Bösen schafft uns die verlorene Höhe und Tiefe. Mittelmaß ist die Folge, weder noch, sowohl als auch, immer dabei, weder ganz dafür noch ganz dagegen, niemals ganz auf einer Karte, gleich-gültig. Delps Diagnose gibt zu denken und zu tun – auch heute.


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