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SWR2 Wort zum Tag

„Deutschland zieht in den Krieg.“ Einen Augenblick frage ich mich, wie sich das heute anhören würde. Wenn das heute morgen in Radio, Fernsehen, Zeitung und Internet zu hören und zu lesen wäre. Aber ich kann mir das nicht vorstellen. Auch wenn deutsche Soldaten in Afghanistan und überall auf der Welt im Einsatz sind. Ein Krieg mit einem Nachbarland ist doch etwas anderes.
Und doch haben viele Deutsche das noch erlebt: Heute, vor genau siebzig Jahren, begann der Zweite Weltkrieg. Deutschland überfiel Polen. Das war der Auftakt zu einem Krieg, der sich auf die ganze Welt ausdehnte. Ein Krieg, der für alle, die ihn nicht erlebt haben, bis heute eigentlich unvorstellbar bleibt.
Und doch sind die Wirren dieser Jahre und das grausame Töten bis heute präsent. Die Wunden von damals sind nicht verheilt. Zum Beispiel im Verhältnis von Polen und Deutschen. Auch wieder unvorstellbar. Ich spiele zum Beispiel Woche für Woche Fußball mit zwei Kollegen, die in Polen geboren wurden. Dass es deswegen Probleme zwischen uns gibt, kann ich mir nicht vorstellen. Doch so einfach ist das nicht.
Da haben etwa polnische und deutsche Katholiken sehr viel für die Versöhnung der beiden Völker getan, haben sich eingesetzt für ein neues Miteinander nach dem Krieg. Aber als jetzt deutsche und polnische Bischöfe an den Kriegsbeginn, an die Schuld der Menschen und an den Weg zur Versöhnung erinnern wollten, da zeigt sich: Es ist schwierig, eine gemeinsame Sprache für all das zu finden. Krieg, Vertreibung und Umsiedlung sind immer noch nicht passé. Sicher: die Bischöfe betonen, dass das alles Unrecht war und ist. Dass sich nicht rückgängig machen lässt, was geschehen ist. Und dass es doch schwierig ist, über den Krieg und seine Folgen so zu sprechen, dass niemand verletzt wird.
Aber es ist wohl so, dass jeder Konflikt auch sprachlos macht. Schweigen gehört dazu, der Versuche, die richtigen Worte zu finden. Wenn die deutschen und polnischen Bischöfe anlässlich des 1. Septembers einen gemeinsamen Gottesdienst feiern, setzen sie genau hier an. Denn in jedem Gottesdienst gibt’s es auch die Stille, das Schweigen, den Versuch, auf Worte zu hören, die noch gefunden werden müssen. Das ist für mich der erste Schritt zu einem wirklichen Verständnis füreinander – dass um Worte gerungen wird.
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