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SWR2 Wort zum Sonntag

Urlaub und Ferien sind für viele von uns vorbei oder neigen sich dem Ende. Der Alltag umfängt uns wieder. Manch einer steht vor wichtigen Entscheidungen. Auch politisch wird der Herbst wieder neu Weichen stellen.
Für dieses Bestehen des alltäglichen Lebens mit seinen Herausforderungen gibt uns Jesus einen wichtigen Rat mit: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“ (Mt 10, 16) Was meint Jesus damit?
Es gibt nicht wenige, die meinen: Klugheit ist keine Tugend, sondern moderne „cleverness“. Klug ist, wer am geschicktesten für sich selbst oder seine Interessen zu sorgen weiß, wer am intelligentesten die Schleichwege zur Macht oder zum Erfolg benutzen kann. Das steht gegen die gesamte abendländische und christliche Tradition, dass nämlich die Klugheit die Erste und die Gebärerin aller anderen Tugenden ist. Wie aber soll die zweite Kardinaltugend, die Gerechtigkeit, aus solcher Art verstandener Klugheit sich entfalten können? Oder die dritte: die Tapferkeit, der Mut. Klug scheint zu sein, wer gar nicht erst in die Verlegenheit solcher Tapferkeit kommt. Der Philosoph Josef Pieper schreibt: „Auf die Klugheit beruft sich der ‚gewiegte Taktiker’, der sich dem Einsatz der Person zu entziehen weiß“ (Josef Pieper, Das Viergespann, München 1964, 17). Auf diese Weise werden Lüge und Feigheit nicht selten als „klug“ gepriesen, Wahrhaftigkeit und tapfere Selbsthingabe, ehrlicher Einsatz „unklug“ geheißen. Dass wir die echte Tugend der Klugheit so wenig von solchen Entstellungen zu unterscheiden wissen, zeigt den Verlust von Tugend in unserer Gesellschaft ziemlich deutlich an.
Was also meint die klassische Tugend der Klugheit? Klug ist, so lesen wir bei den wahrhaft Weisen, wer die Wirklichkeit so sieht, wie sie ist. Der also, der sich nichts vormachen lässt und sich selbst nichts vormacht. Klug ist, für wen die Wahrheit die höchste Richtschnur des Lebens ist und nicht der Eigennutz. Die Tugend der Klugheit ist die Einübung in eine Weltsicht, die nicht vom eigenen Machtwahn, vom reinen Besitzstreben, von Lobbys und Interessen, von Ideologien oder augenblicklichen Launen geleitet ist, sondern dieses alles als Götze zu entlarven weiß, sobald es sich selbst verabsolutiert. Die Tugend der Klugheit setzt den einen und einzigen Gott als Schöpfer und Wahrheitsgaranten aller Wirklichkeit an die erste Stelle und entthront alle selbst gemachten Götter und Dämonen. Sie hat als Tugend eine nicht zu unterschätzende kritische Funktion.
Die Tugend der Klugheit beinhaltet vor allem heute, wo es allenthalben um das „Promoten“ der eigenen Interessensphären geht, eine nicht einfache Askese. Sie ist ständige Einübung in die Unbestechlichkeit und Wahrhaftigkeit als persönliche Wesenshaltung. Das ist wirklich keine leichte, aber lebenswichtige Übung, mein gesamtes Leben, mein Denken, Fühlen, Urteilen und Handeln, auf Wahrheit, Sachlichkeit und Wirklichkeit auszurichten. Wer hier korrupt wird, wird es auch in allem anderen. Und er ist am Ende den Moden und Launen der Zeit völlig ausgeliefert. Insofern ist die Tugend der Klugheit auch die einzig gute Basis für eine echte Lebenstüchtigkeit.
Im Evangelium wird der als klug gepriesen, der sein Haus nicht auf Sand, sondern auf Fels gebaut hat (vgl. Mt 7,24ff). Die Klugheit als Tugend baut das Haus des Lebens auf sicherem Fundament. Sie lebt im Inneren von dem Wissen um die Wahrheitsmacht Gottes, auf deren Grund sich seine Gerechtigkeit vollzieht. Sie übt in die gute Ehrfurcht vor Gott ein und macht so furchtlos den Menschen gegenüber, die die Wahrheit mit Füßen treten. Die Klugheit gibt dem Denken und Handeln das angemessene Maß und befreit von aller Maßlosigkeit und Gier. So ist sie wahrhaft Tugend – Anleitung zu einem besseren und sinnvolleren Leben.
Nicht nur für diesen Herbst gilt es daher, mitten in unserer Welt mit ihren Demagogen und Wölfen klug zu sein – mit einer Klugheit ohne Falsch. Denn: „Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“ (GL 295) Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6709