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SWR3 Gedanken

„Man braucht zwei Jahre um sprechen zu lernen und fünfzig um schweigen zu lernen.“ Ein weiser Spruch des Schriftstellers Ernest Hemingway. Überall wird geredet, geplappert, gequatscht. In der Schule, im Job, auf der Straße, in der Kneipe, im Fernsehen und im Radio. Es ist ja auch urmenschlich zu reden und bei mir ist es der größte Teil meines Jobs. Nicht nur hier im Radio. Und weil ich so viel sprechen muss, ist mir mit den Jahren das Schweigen immer wichtiger geworden. Als Gegengewicht zum Reden. Erholung heißt also für mich die Klappe halten. (Das war nicht immer so. Ich habe mal eine dreiwöchige Reise allein gemacht. Da kam es schon vor, dass ich mehrere Tage kein Wort gesprochen habe und da war das erste Gespräch wie ein warmes Bad.) Die Balance macht es also, das Gleichgewicht zwischen Reden und Schweigen. Wie Einatmen und Ausatmen. Das Reden als Ausatmen, das Schweigen als Einatmen. Schweigen kann schön und erholsam sein, aber auch schrecklich und quälend. Wenn jemand durch Schweigen oder Nichtbeachten gemobbt oder bestraft werden soll, das ist Psychoterror, den niemand verdient. Man kann auch schweigen aus Angst oder Verlegenheit, wenn einem was Peinliches passiert ist. Oder wenn einem die Worte fehlen aus Trauer oder Schockiertheit. Eine der schönsten Arten zu schweigen ist das gemeinsame Schweigen. Wenn sich zwei Menschen so vertraut sind, dass sie nicht immer reden müssen um sich zu verstehen. Wenn sie eine Verbundenheit haben, die auch ohne Worte spürbar ist, durch Blicke, Gesten oder Berührungen. Und natürlich, das kann und soll in den Gedanken nicht fehlen: Schweigen ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für religiöse Empfindungen. Um Ruhe in meine Seele zu bekommen. Und die schönen und schrecklichen Dinge meines Lebens absinken zu lassen und sie so vor Gott zu legen, wie sie sind. Wie ich bin. Ohne Worte. Schweigend. Voll Trauer, Dankbarkeit oder Glück.

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