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SWR3 Gedanken

Ihre Augen waren jung und alt zugleich. Und ich war kurz angebunden bis an die Grenze zur Unfreundlichkeit. Sie hatte bei uns geklingelt an einem Sonntagmorgen gegen halb zwölf. Wir hatten Gäste zum Brunch und ich war in ein Gespräch verwickelt. Es klingelte und da stand diese Frau mit den jungen, alten Augen. Eine südländisch aussehende Bettlerin. Und ich ärgerte mich. Ärgerte mich aus dem Gespräch gerissen zu werden, ärgerte mich, dass mich Bettler jetzt auch schon Sonntagmorgen in meinem Privatbereich stören. (Die Frau sprach nur gebrochen Deutsch zeigte Fotos von Kindern und murmelte was von Rumänien, Überschwemmungen und Hunger. Ich dachte an die Banden von Profibettlern, die Frauen und Kinder vor Kirchen und in Privathäuser schicken.) Darum war ich kurz angebunden, brummelte was von „habe Besuch“ und ging wieder zu meinen Gästen. Aber ich war nicht mehr recht bei der Sache. Die Augen der Frau und mein blödes Verhalten ließen mich nicht los. Ich ging aus dem Haus und schaute noch mal nach der Frau. Sie stand vor der Haustür unserer Nachbarn und ich sagte zu ihr, „bitte kommen sie noch mal.“ Schon lang hatte ich hatte eine Handvoll Kleingeld für besondere Zwecke aufbewahrt und als ich die Bettlerin vor der Haustür meiner Nachbarn stehen sah, war mir klar dass sie es bekommen sollte.
Die Frau stand vor unserer Haustür, zu der drei Stufen hinaufführen. Damit ich nicht über ihr stand, ging in die Hocke und gab ihr die Münzen von meiner Hand in ihre. Dabei nahm sie meine Hand und küsste sie. Ich zuckte zurück, weil es mir weh tat, dass sich jemand über so wenig so viel freuen konnte. Und ich zuckte zurück weil sich diese Dankbarkeit für mich zu unterwürfig anfühlte. Wahrscheinlich spürte die Frau das. Sie zeigte zum Himmel und segnete mich. Und das konnte ich annehmen. So dankbar wie sie. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6493