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SWR2 Wort zum Tag

„Es ist gut, wenn zwei zusammen sind, besser als allein." (Prediger 4,9)

Der das im 3. Jahrhundert vor Christus gesagt hat, war eher ein Skeptiker als ein Optimist. Er kannte das Leben, seine schönen Augenblicke und die harten Schläge, die einen treffen können, ohne dass man Antwort auf die Frage „warum" bekommt, schon gar nicht auf die Frage: warum ich?
Man nennt den Schreiber dieses biblischen Buches den „Prediger". Er steht nicht allein. Wenn es am Anfang des Alten Testaments heißt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei" - dann meint das dasselbe.

Wärme und Geborgenheit kann man sich nicht selbst schenken. Man kann sich weder selbst küssen noch selbst gute Nacht sagen. Wir brauchen den anderen zum Leben. Der Satz „Ich brauche dich" ist das größte Vertrauen, das sich zwei Menschen schenken können. Solche Nähe, die wir schenken, um zu leben, entsteht in der Liebe ebenso wie in der Freundschaft. Ich glaube, das ist wichtig. Zum Alltag gehört, dass die, die einander lieben, auch Freunde sind. Und: dass die, die einander lieben, auch Freunde brauchen, die das Leben reicher machen.
Weil die Aussage des Predigers zur Gemeinschaft so wahr und so elementar ist, spiegelt sie sich in ungezählten Gedichten bis in die Moderne. So viel Nähe kann aber auch einengend sein. Ich denke dabei an die Gefahr der Liebe, den Partner nach dem eigenen Bild zu formen, ihn so zu sehen, wie er nicht ist, sondern wie man ihn sehen möchte. Dann gilt nur eins: das uralte biblische Bilderverbot „Du sollst dir kein Bildnis machen." Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat dieses Gebot von seinem biblischen Bezug auf Gott auf den Menschen ausgeweitet. Seine schon klassische Aussage dazu kann man in seinem Tagebuch nachlesen:
„Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen... Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben..."

Das ist die Freiheit vom Zwang des Bildermachens. Es ist die Freude, Nichtbekanntes, Unerwartetes im anderen zu sehen und zu entdecken. Denn: Der Mensch, den ich liebe, ist immer mehr, immer auch noch anders, als ich ihn sehe.

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