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SWR2 Wort zum Tag

„Nicht müde werden…“
Das ist der Beginn eines Gedichtes von Hilde Domin, der deutschen Lyrikerin jüdischer Herkunft, an deren 100. Geburtstag ich heute erinnern möchte. Ich sehe sie vor mir, bei Lesungen, bei Diskussionen, sehe ihren wachen Blick, ihre Zugewandtheit, Spontaneität und Lebendigkeit. In ihrem Elternhaus hat sie das Urvertrauen erfahren, das sie lebenslang getragen hat. Aus ihm nahm sie die Kraft und den Mut zum „Dennoch“.
Hilde Domin lebte 22 Jahre im Exil, in Italien, England und in der Dominikanischen Republik. Dort fand sie zu ihrer Sprache, die ihr Heimat geworden ist. Sie sagt: „Wie ich, Hilde Domin, die Augen öffnete, die verweinten, in jenem Hause am Rande der Welt, wo der Pfeffer wächst und der Zucker und die Mangobäume, aber die Rose nur schwer, und Äpfel, Weizen, Birken gar nicht, ich verwaist und vertrieben, da stand ich auf und ging heim, in das Wort. Von wo ich unvertreibbar bin.“
Viele Gedichte thematisieren das Heimatlose, das Ungeschütztsein und Fremdsein, andere wieder Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht.
In ihrem Band „Ich will dich“ steht das Gedicht, das sie selbst für ihr wichtigstes hielt: „Abel steh auf“: „Abel steh auf / es muss neu gespielt werden / täglich muss es neu gespielt werden / täglich muss die Antwort noch vor uns sein / die Antwort muss ja sein können / wenn du nicht aufstehst Abel / wie soll die Antwort / diese einzig wichtige Antwort / sich je verändern /…/ steh auf / damit Kain sagt / damit er sagen kann / Ich bin dein Hüter / Bruder / wie sollte ich nicht dein Hüter sein /…/ Abel steh auf / damit es anders anfängt / zwischen uns allen…“
Auch hier gilt: „Nicht müde werden.“ Das heißt, immer wieder neu anfangen.
Warum ist mir dieses Gedicht so wichtig?
In der Erzählung von Kain und Abel in der Bibel – Kain erschlägt seinen Bruder Abel – soll Gewalt nicht das letzte Wort sein. Die Geschichte ermahnt mich zu begreifen: wer tötet, tötet seinen Bruder, tötet seine Schwester. Dieser Aufruf, es anders zu machen als Kain ist Hilde Domins eigene Erfahrung: „Abel steh auf / es muss neu gespielt werden.“ Das heißt: Verlier den Glauben an den Mitmenschen nicht, sei du deines Bruders Hüter, sei du nicht sein Täter. Leb keine Gewalt, sondern brüderliches und schwesterliches Miteinander. Nur dann besteht die Hoffnung, dass „es anders anfängt zwischen uns allen“. „Nicht müde werden“ heißt immer wieder neu damit anzufangen.
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