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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es war wie im Krimi – nur: jetzt war es echt. Ein Mann klaut eine Uhr, der Juwelier verfolgt ihn durch eine Einkaufspassage. Dort wird der Dieb von einem wildfremden Menschen gestoppt und so lange festgehalten, bis die Polizei kommt. Vor wenigen Tagen ist das in Mainz passiert. Der Passant war zufällig da und hat schnell reagiert. Ihm war nicht egal, was da geschieht. Ich finde: Der Mann darf zu Recht stolz auf sich sein, dass er den Mut und die Kraft hatte, hier einzugreifen.
Die Polizei beklagt, dass viele eher wegschauen, weil ihnen egal ist, was anderen passiert. Nun ist nicht jeder zum Helden geboren. Nicht immer erfassen die Umstehenden die Situation schnell genug. Oder sie sind vor Schreck sind wie gelähmt.
Aber viele schauen auch bewusst weg. „Ist mir doch egal!“, was da gerade los ist. Und diese Gleichgültigkeit ist weit verbreitet. Ist mir doch egal, wer die Wahlen gewinnt, oder wie unsere Kinder später die Renten finanzieren sollen. Ist mir doch egal, ob durch meine Autofahrten der Treibhauseffekt zunimmt. Ist mir doch egal, wenn da ein Juwelier beklaut wird ....
Ich möchte verstehen, warum viele Menschen so gleichgültig zu sein scheinen. Schon im Kindergarten lernen wir: Ein Mensch darf sich nie nur um sich selbst kümmern. Christen lernen von Jesus Christus, den Nächsten zu lieben und anderen zu helfen. Woher dann diese Gleichgültigkeit?
Gewissenlose Menschen gibt’s schon, denen das Glück anderer wirklich egal ist. Aber die meine ich nicht. Ich meine die ganz normalen Menschen, Menschen, die um ein gutes Leben ringen und durchaus gute Absichten haben. Ist es nicht so, dass wir genau damit oft auch überfordert sind? Mir geht es jedenfalls so. Angesichts aller Nachrichten und aller Probleme, von denen ich täglich höre, bin ich manchmal mutlos. Und ratlos. Wo soll ich anfangen – wie soll ich entscheiden – und wofür soll ich mich einsetzen? Es ist einfach zu viel im Argen. Dann liegt es fast nahe, irgendwann zu resignieren und fast gleichgültig zu werden.
Aber es gibt ein Mittel, um da herauszufinden: ich frage mich dann, wie es mir gehen würde, wenn ich das Opfer wäre. Wenn es meine Uhr wäre oder meine Zukunft – und dann fühle ich mit. Und das Leid eines anderen ist mir gar nicht mehr egal.


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