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SWR2 Wort zum Tag

Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! So seufzt ein Beter in einem Psalm. Wer könnte da nicht mitseufzen! In so vielen Lebenssituationen weiß man nicht, warum geschehen musste, was einen schwer belastet. Man vermisst Gottes Führung und Bewah-rung und leidet darunter, dass Gott so verborgen ist. Das Gebet kann verstummen, weil man den Eindruck hat, wie gegen eine Wand zu rufen und zu schreien. Es bleibt viel-leicht nur noch der verzweifelte Seufzer: Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedan-ken, wie unbegreiflich Deine Wege mit mir!

Wer den Psalm im Ganzen liest, entdeckt Erstaunliches: Der Beter seufzt gar nicht über die Verborgenheit Gottes, sondern über seine Allgegenwart. Er denkt sich die entferntes-ten Orte aus: den Himmel, das äußerste Meer – Gott ist da, auch noch im Tod. Man kann sich vor Gott nicht verbergen. Man muss an seiner Nähe aber auch nicht zweifeln. So kann der Beter staunend sagen: Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. All das kann er nicht begreifen - und seufzt darüber. Kennt der Beter denn nicht die Verborgenheit Gottes? Weiß er nichts von Lasten und Leiden, die blind machen für Gottes Gegenwart und an seiner Führung zweifeln lassen? Am Ende des Psalms ist von Menschen die Rede, die der Beter wie Blutsauger erlebt, die ihm offenbar ans Leben wollen. Sie sind da – trotz der Allgegenwart Gottes. Wie sollte er da nicht fragen, warum Gott das zulässt, warum er der Bedrohung nicht ein Ende macht. Er klagt darüber – aber vor Gott, dessen Handeln er nicht versteht, der sich verbirgt und doch immer da ist. Und noch etwas macht ihm zu schaffen: Er weiß von dem Bösen, das von Gott trennt, von falschen Wegen, die vom Vertrauen auf Gott wegführen. Er weiß nicht oder nicht immer, ob er sich nicht längst, ohne es zu merken, auf einem falschen Weg befindet. Aber er bittet Gott, ihn zu prüfen und ihn auf einen guten Weg zu leiten.

Der Beter kennt Gottes Verborgenheit. Er kennt die Fragen, die keine Antwort erhalten. Er weiß auch vom Bösen in ihm selbst. Und doch bekennt er: Du umgibst mich, hältst deine Hand über mir, hältst mich fest und führst mich. Er kann es, weil er sich als Ge-schöpf Gottes weiß, das Gott nicht lassen kann und will. Er kann es, weil Gott in seiner Geschichte mit den Menschen seine Verborgenheit verlassen hat und weil es Gottes gro-ße Zusagen gibt. An sie hält sich der Beter, auch gegen viele Erfahrungen - und kann darum Gottes Gegenwart und seine Führung glauben!

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