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SWR2 Wort zum Tag

Alt werden möchten alle - aber alt sein, das will keiner. So lautet ein Sprichwort.
Und ich versuche zu verstehen: Aus Sicht des jungen Menschen ist es etwas schönes, ein hohes Alter zu erreichen. Man möchte ja leben und nicht sterben, jedenfalls nicht früh.
Und man möchte auch im Alter noch etwas vom Leben haben - vielleicht gerade das nachholen, was einem als junger Mensch verwehrt bleibt.
Aber da liegt auch schon das Problem. Es ist ja nicht gesagt, dass mit dem Altwerden auch ein gutes Leben einhergeht. Viele machen die gegenteilige Erfahrung, dass ihnen das Alter zur Last wird. "Altsein, das ist nicht schön, es ist eigentlich kein Leben mehr" - so höre ich es manchmal heraus.
"Ich werde gerne alt" - so heißt ein Buch von Jörg Zink. Er schreibt dazu: "Ich werde wirklich gerne alt. Ich meine, wir können ein Ja dazu finden, dass das Leben mühsamer wird. Dass es einsamer wird. Wir können ein Ja finden
zur Schwäche. Zur Schwäche des Gedächtnisses, aber auch der Augen, des Gehörs, der Hände, der Beine. Ein Ja zur Langsamkeit der Bewegungen und der Reaktionen. Wenn ich dazu Ja sage, dann meine ich damit nicht: Das ist alles nicht so schlimm. Sondern ich meine: So schmerzhaft ist es, das Alter, so und nicht anders. Und das alles
lege ich in Gottes Hände und bitte ihn, es möge mich nicht von ihm trennen." -
Eigentlich kann man das von jedem Lebensalter sagen, finde ich. Denn jedes Alter ist von Gott gegebene und von ihm gewollte Zeit, auch mein jetziges, mittleres Alter. Und ich möchte diese Zeit annehmen und gestalten, so gut
es geht. Nicht dem Vergangenen nachtrauern, auch nicht mit der Gegenwart im Streit leben.Wenn ich mein Alter verdränge oder sogar dagegen ankämpfe, kann ich mich im Grunde selbst nicht annehmen. Aber wenn ich Gott in diesem Punkt vertrauen kann, schafft das Ruhe und Gelassenheit, ich finde ein Ja zu mir selber. -
Dieses Ja zu finden und auch zu leben - das ist eine große Herausforderung. Altwerden ist nichts für zarte Seelen, las ich neulich, und das stimmt wohl. Ich denke an die Mutter meiner Frau, die in diesen Tagen Abschied nimmt
von ihrem selbstständigen Leben im eigenen Haus. Es fällt ihr nicht leicht, aber sie sagt Ja zu dem letzten Wegstück, und sie tut es im Vertrauen auf Gott. Sie verbreitet soviel Zuversicht, dass auch Jüngere davon angesteckt werden. Und vielleicht auch einmal sagen können: ich werde gerne alt. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6220