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SWR2 Wort zum Tag

Liebe und Begeisterung sind göttlichen Ursprungs. Sie sind sich sehr ähnlich, die beiden: Kein Mensch kann sie kaufen, doch wer sie einmal gefunden hat, der möchte sie nie wieder missen. Zwingen kann man Liebe und Begeisterung aber auch nicht, sie haben ein angeborenes Freiheits-Gen und wollen vorsichtig und achtungsvoll behandelt werden. Sie hängen aneinander wie Zwillings-Geschwister, so dass eins leicht zum anderen führt und ein Mensch, der liebt, zugleich begeistert ist von dem Objekt seiner Liebe und ein von einer Sache begeisterter Mensch meist mit Liebe am Werk ist. Die zauberhaften Geschwister bringen Menschen dazu, von innen zu strahlen und zu leuchten, so dass gar nicht viel Worte gebraucht werden müssen, weil die Atmosphäre für sich selbst spricht. Oder aber die Worte sprudeln nur so hervor, weil sie aus vollem liebenden Herzen kommen, das überfließt und sich mitteilen möchte. Ach ja - auch das haben die beiden gemeinsam: Sie sind nicht gern allein, eben Zwillinge, und führen daher immer in die Gemeinschaft. Dabei vollbringen sie die Glanzleistung, selbst eingefleischte Egozentriker von sich selbst abzulenken - und das ist bei verknorzten Selbstsüchtigen tatsächlich ein Meisterwerk. Erfahrungsgemäß gelingt das häufig bei frischgebackenen Großvätern, die bislang eher über ihr Aktienpaket, die Börsenkurse oder ihren Fußballverein in Erregung gerieten und plötzlich selbstvergessen einen Kinderwagen durch die Gegend schieben. Wenn solches geschieht, dann ist das ein großes Kunststück, und in der Tat verbünden sich Liebe und Begeisterung gerne mit ihrer göttlichen Schwester, der Kunst. Wer schon einmal ein Kind beim Musizieren beobachtet hat, eine engagierte Balletttruppe bei der Aufführung oder einen Maler im Atelier, der weiß, wovon ich spreche. Dabei müssen die Ergebnisse durchaus nicht perfekt sein: Begeisterung stört sich nicht an Fehlern, sie erträgt sie mit Liebe, ja, sie kann sie manchmal sogar als Salz in der Suppe erkennen.
Zugegeben: Nicht jede Begeisterung ist göttlich, leider. Und nicht jede Kunst dient der Liebe. Wenn es um die Begeisterung für Gewalt, für Zerstörung, für Hass geht, dann ist die Liebe sicher nicht dabei. Es kommt eben drauf an, dass die göttlichen Zwillinge nicht getrennt werden! Wenn die Begeisterung von der Liebe getrennt wird, dann entsteht Zerstörung, Zwietracht, Hass, Trauer, Verzweiflung. Liebe und Begeisterung gemeinsam helfen Menschen, sich fruchtbar für andere und für sich selbst zu entfalten: zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohl anderer.
Göttlich sind sie, die Zwillingsgeschwister Liebe und Begeisterung. Wer das Glück hat, sie gefunden zu haben, der erlebt ein großes Stück Himmel auf Erden.

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