SWR4 Sonntagsgedanken

Von der Demut der Gartenarbeit und vom lebensspendenden Wasser

Teil 1

Seit Wochen ist bei uns daheim Gartenarbeit angesagt. Meine Frau nutzt im Frühjahr jede freie Gelegenheit, um den kleinen Garten hinter unserem Haus in die Reihe zu bringen. Und ich helfe ihr dabei. Nicht immer, aber gelegentlich - dann, wenn Hilfe notwendig ist; wenn es gilt, den Boden vorzubereiten, zu pflügen oder Unkraut zu jäten. Das ist in der Regel meine Aufgabe. Und ich mache das ganz gern. Ich bearbeite gern die Erde. Was gibt es Schöneres als frische Erde, locker, krümelig und duftend. Erdig duftend. Erde zum Hineingreifen, Hineinwühlen, am besten mit bloßen Händen. Wer im Garten arbeitet oder Balkonpflanzen umtopft, muss in Erde greifen.
Erde ist das Element des Gartens. Und Bodenverbesserung das A und 0, um ein Stück Land fruchtbar zu machen. Und dann ist meine Frau an der Reihe. Sie ist die Gärtnerin, die pflanzt und sät. Wenn der Boden soweit vorbereitet ist, kann sie ihrer eigenen Kreativität freien Lauf lassen; kann schöpferisch tätig werden, auch wenn im Nachhinein nicht alles so wird wie gedacht. So ist das nun mal, ich kann die Pflanzen nicht machen, ich kann ihnen nur den Boden bereiten.
Aber ich bin immer wieder fasziniert von dem, was wächst: angefangen von den ersten Radieschen über den frühen Salat und Spinat bis hin zu den riesigen Sonnenblumen im Spätsommer, die noch Monate vorher als kleines Samenkorn in der Erde schlummerten.
Ob und wie etwas wird, ist von Jahr zu Jahr verschieden und bleibt ein Geheimnis der Natur. Das weiß jeder, der einen Garten hat. Außerdem gibt es die vielen "Mitbewohner", die Schnecken, Wühl- und Feldmäuse, die Läuse, Larven und Käfer. Sie können einem die Gartenarbeit ganz schön schwer machen. Da ist manchmal echte Demut angesagt! "Demut" heißt im Lateinischen "humilitas". Und in diesem Begriff steckt das Wort "humus". Demut hat also etwas mit dem Boden zu tun, mit der Erde. Für mich heißt das: nicht nur bei der Gartenarbeit mit beiden Füßen auf der Erde zu stehen, Bodenkontakt zu halten.
Und noch etwas ist wichtig: Ich kann vieles nicht machen. Trotz aller Mühe und Arbeit liegt es nicht immer allein an mir, wenn sich im Leben kaum etwas bewegt, wenn im Garten einfach nichts wachsen will. Das muss ich immer wieder erkennen und mir demütig eingestehen. Dabei hätte ich alles so gern in der Hand. Doch: die Erkenntnis nicht alles selbst machen zu können, sie entlastet auch. Sie nimmt mir die Verantwortung von den Schultern, die mich im Alltag oft quält. Demut ist für mich so etwas wie Selbsterkenntnis. Nur so lerne ich: Du musst nicht alles selbst machen!
Mein Garten lehrt mich: Tu deinen Teil. Bereite den Boden und kümmere dich um die Pflanzen. Weder der beste Dünger, noch der beste Kompost aber garantieren Wachstum. Das Entscheidende musst du geschehen lassen. Es ist Geschenk: eine Gabe der Natur oder Gottes Wirken in meinem Leben.


Teil 2

Wasser ist oft das Geheimnis eines üppigen Gartens. Ein erfahrener Gärtner weiß das, während der Anfänger, der vielleicht knauserig mit dem Wasser umgeht, sich wundert, warum bei ihm nicht alles so wird, wie es im Katalog oder auf den Samentütchen abgebildet ist. Junge Pflanzen brauchen zum Wachsen Wasser - in der richtigen Dosierung natürlich. Ansonsten verdorren sie. Und frisch eingesäter Samen muss in den ersten Tagen ständig feucht gehalten werden, damit er keimt. Sonst geht er nicht auf. Da ist ein sanfter Regen zur rechten Zeit ein wahrer Segen. Bleibt er aber aus, muss ich den Garten bewässern. Es bleibt mir nicht anderes übrig als ständig zu gießen, auch wenn das oft lästig ist.
Die spanische Mystikerin und Ordensfrau Teresa von Avila (1518 - 1582) greift das Bild vom Garten und vom Wasser auf und überträgt es auf den Menschen. Für sie ist die Seele eines Menschen ein Garten, der ohne Wasser abstirbt. In ihrem so genannten "Gartengleichnis" hat sie sich Gedanken darüber gemacht, wie ein Mensch auf dem Weg des inneren Gebetes reifen und wachsen kann. Dabei vergleicht sie die Seele eines Menschen mit einem Garten. Und der kann nur gedeihen, wenn er gründlich bewässert wird. Sie unterscheidet vier Bewässerungsarten, damit der "Garten der Seele" auf dem Weg von Gebet und Meditation zu einem Ort des "Lebens in Fülle" werden kann.
Teresa schreibt in ihrem Gartengleichnis:
„Zum einen können wir das Wasser aus einem Brunnen emporziehen. Das ist für uns sehr mühevoll. Zum anderen können wir ein Schöpfrad oder einen Schöpfeimer benutzen, die über eine Winde nach oben geholt werden, so wie ich es manchmal tat. Das ist schon weniger anstrengend und bringt mehr Wasser. Oder wir können das Wasser von einem Fluss oder Bach ableiten: damit können wir wirkungsvoller gießen, denn die Erde wird viel besser durchtränkt, und wir müssen nicht so oft bewässern. So hat der Gärtner weniger Arbeit. Schließlich müssen wir uns überhaupt nicht mehr anstrengen, weil der Herr es kräftig regnen lässt. So bewässert er den Garten ohne unser Zutun. Das ist unvergleichlich viel besser als alles Andere.“ *
Dass der Herr es regnen lässt, bedeutet aber nicht, dass ich mich innerlich zurücklehnen kann nach dem Motto: Der liebe Gott wird es schon richten. Ganz im Gegenteil.
Teresa ist der Ansicht, dass Gebet und Meditation eingeübt werden müssen. Regelmäßig, beharrlich, mit viel Geduld und einem langen Atem. Der Herr bewässert den Garten auch ohne unser Zutun, sagt sie. Doch sie verschweigt nicht, dass wir für unseren Garten verantwortlich sind. Meditation und Gebet sind für sie unterschiedliche Weisen, diese Verantwortung immer neu wahrzunehmen. Im Vertrauen darauf, dass Gottes Geist uns dabei begleiten wird.


* Aus: Medina M., Im Garten der Seele. Das Gartengleichnis von Teresa von Avila, in: Schlangenbrut 85 (2004), S. 12-15. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6001
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