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SWR4 Sonntagsgedanken

Teil 1
„Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. .. und ob ich schon wandelte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Bis heute gibt dieses Gebet, der 23. Psalm, vielen Menschen Kraft und Zuversicht. Es gab aber eine Zeit, da war es gefährlich, öffentlich zu bekennen, auf welchen Herrn man sein Vertrauen setzt.

Ich erinnere mich noch gut an den einen Sonntag im letzten Krieg. Mein Onkel – er war Pfarrer einer Landgemeinde an der Nahe, und wir waren dort evakuiert – wurde noch während des Gottesdienstes und inmitten der Gemeinde verhaftet und abgeführt. Als damals Vierjähriger habe ich den Vorfall zwar mit kindlicher Verwunderung zur Kenntnis genommen. Aber verstanden habe ich nicht, was die Erwachsenen in den Wochen danach von einem „Konzentrationslager“ raunten, in das der Onkel abtransportiert wurde. Ich wusste ja nicht, dass der Onkel Pfarrer der Bekennenden Kirche war, dass er kritisch den Machthabern und ihrer braunen Nazi-Ideologie gegenüberstand und deshalb schon seit längerem von Vertretern der Staatsmacht beobachtet wurde. In ihrem Auftrag saßen damals zwei Männer im Gottesdienst und schrieben mit, wie der Pfarrer an diesem Sonntag die Worte des 23. Psalms auslegte: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln ...“ Was seit alters her Menschen Trost und Halt gab, das muss für die Geheime Staatspolizei, die Gestapo, wie man sie damals nannte, ziemlich staatsgefährdend geklungen haben: Nicht der Führer ist mein Heilsbringer, sondern Gott sorgt für mich. Ihm vertraue ich; er schenkt mir Ruhe an seinem Tisch – und das sogar, wie es im Psalm 23 heißt „im Angesicht meiner Feinde“. Das Maß war voll, die Folgen habe ich erlebt.

Gott sei Dank war mein Onkel damals nicht der einzige, der so gedacht hat. Immerhin gehörten etliche wie er zur sogenannten Bekennenden Kirche. Schon 1934, gerade ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers fanden diese Christen es an der Zeit, deutlich zu sagen, was in der evangelischen Kirche gelten soll und was nicht. Nämlich :

„Jesus Christus als das eine Wort Gottes“. Und nicht: „andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten“.

Also nicht das neue stolze Selbstbewusstsein vieler Deutscher. Nicht das herrische Auftreten des Führers. Nicht eine augenscheinlich erfolgreiche Arbeits- und Wirtschaftspolitik. Und nicht die zunehmende Aus¬grenzung und Demütigung derer, die man für alle Übel verantwortlich machte.

„Der Herr ist mein Hirte – ihm will ich vertrauen. Auf ihn will ich mich verlassen“. Die Auswirkungen dieses Bekenntnisses habe ich in der eigenen Familie und Verwandtschaft erlebt.

Teil 2
„Der Herr ist mein Hirte”. Ein altüberliefertes Bibelwort ließ die braunen Machthaber nervös werden. Später habe ich oft gedacht: Wie viel Kraft muss dann in einem solchen Wort stecken!

1934 hatten evangelische Christen sich in Barmen bei Wuppertal darauf besonnen, was dieser Satz für das Leben im Hitlerdeutschland bedeuten muss. „Die Kirche“, so haben sie in der sogenannten Barmer Erklärung festgehalten „ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus.. als der Herr gegenwärtig handelt“. Die Nazis damals verstanden schnell: diesen Christen ist ihr Herr und was er sagt wichtiger als unser Führer.

In den dreißiger Jahren hieß das: Für uns Christen gibt es keine Menschen erster und zweiter Klasse, kein lebenswertes und lebensunwertes Leben. Für uns spielt die arische Großmutter und der lupenreine Stammbaum keine Rolle. Was uns zu einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern macht, ist nicht das deutsche Blut, nicht die gemeinsame Sprache und Kultur, nicht die Gesinnung und nicht die Interessen. Christus ist es, der uns einigt, und durch den wir uns als Brüder und Schwestern erkennen.

Und heute? Die Zeitumstände haben sich geändert. Doch das bleibt für Christen als Glaubenswahrheit gültig: Sie versuchen, als Schwestern und Brüder zu leben, weil sie alle denselben einen Herrn haben. Deshalb kann unter Christen das übliche Hauen und Stechen, das Konkurrieren um jeden Preis keinen Ort haben. Deshalb stehen Christen zueinander und stehen einander bei.

So auch damals in jener Landgemeinde, als ihr Pfarrer, mein Onkel, im Konzentrationslager inhaftiert war. Er war nämlich, wie ich schon sagte, Mitglied der Bekennenden Kirche. Aber auch ohne ihren Pfarrer und trotz großer Angst hat sich die kleine Landgemeinde weiterhin zu Gottesdiensten und zu Fürbitten für alle verfolgten Gemeindeglieder zusammengefunden. Im Namen Gottes widersetzten sie sich einer Obrigkeit, die forderte, was allein Gott zusteht. Die biblische Erkenntnis, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen, hat die Gemeindeglieder mutig genug gemacht, zumindest innerlich zu widerstehen. Gegen ihre Furcht, als schlechte Deutsche und als Querköpfe zu gelten oder als hoffnungslos Gestrige, die die Zeichen der neuen Zeit nicht verstanden hatten.

In ein paar Tagen ist es genau 75 Jahre her, dass sich die Christen damals in Barmen versammelt haben um ihr Bekenntnis zu dem einen Herrn Jesus Christus zu formulieren. Ich finde, dass dieser Gedenktag auch uns heute fragt: Worauf verlasst ihr euch eigentlich? Welchen Herren vertraut ihr? Und wie geht ihr mit den Schwestern und Brüdern um, die eure Hilfe brauchen? Mir scheint, solche Fragen sind auch nach 75 Jahren noch genau so aktuell wie damals. https://www.kirche-im-swr.de/?m=5920