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SWR3 Gedanken

Supermärkte sind manchmal so eine Art Vorhölle.
Letztens war vor mir an der Kasse eine ältere Frau, die ging schon beim Warten allen auf die Nerven. Erst schob sie ihren Wagen dem Mann vor ihr ständig in die Kniekehlen. Sie hatte wohl Angst, dass jemand drängelt. Dann drehte sie sich erbost zu mir um, weil ich ihr angeblich keinen Platz ließe. Schließlich fiel ihr ein, dass sie noch was vergessen hatte, und ging selbstverständlich davon aus, dass wir ihren Wagen solange weiterschieben würden. Und als es endlich ans Bezahlen ging, zählte sie ca. 76 einzelne Centstücke der Verkäuferin in die Hand, um am Ende festzustellen, dass es immer noch nicht ganz reichte.
Alle waren entnervt, Grummeln und Seufzen.

Plötzlich drehte sich jener Mann, dem sie die Kniekehlen ramponiert hatte und der noch am Einpacken war noch mal um. Er reichte der Kassiererin mit einem Lächeln das fehlende Geld und fragte dann die anstrengende Frau: Darf ich Ihnen helfen, Ihre Einkäufe nach Hause zu bringen?

Er tat das ohne jede Ironie und Hintergedanken. Und die Stimmung änderte sich schlagartig: die Kassiererin atmete erleichtert auf, die Menschen in der Schlange lächelten sich plötzlich an, und die angesprochene Katastrophenfrau sah aus wie die aufgehende Sonne. Sie strahlte den jugendlichen Kavalier an und alle, die ihr sonst noch im Blickfeld standen.
Von Vorhölle keine Spur mehr. Und ich schiebe gut gelaunt meinen Wagen zu der lächelnden Kassiererin. Der Mann im Supermarkt hat das prima hingekriegt. Hat die Frau so behandelt als wäre sie das Highlight des Tages. Und im Handumdrehen fing die Vorhölle zu leuchten an. Ein Satz von Hannelore Frank fällt mir ein:
„Ich möchte gern so sein, wie Gott mich haben will, weil er mich behandelt, als wäre ich schon so.“
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