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SWR2 Wort zum Tag

Der Kontrast könnte nicht größer sein, hier, in der Kölner Innenstadt. Ich komme vom Bahnhof mit seinen eiligen Reisenden. Viele haben ein Ziel, wissen, wo es lang geht. Tun, was sie tun, für einen bestimmten Zweck. Und dann gehe ich paar Straßen weiter, biege in eine Toreinfahrt ein, und sehe sie dort sitzen: Drogenabhängige, Junkies, die auf einen Schlafplatz für die Nacht warten. Im Schatten des Kölner Doms betreibt die Missionsgesellschaft vom Heiligen Geist, die Spiritaner, das »Notel«, eine Notschlafstelle für Drogenabhängige. Abend für Abend bekommen hier zehn von ihnen ein Bett.
Bärbel Ackerschott leitet das ungewöhnliche Nacht-Hotel. Was sie und ihr Team motiviert? Sie sagt: „Das ist unsere Art, diesem Jesus von Nazareth hinterher zu gehen.“ Denn ins »Notel« kommen Menschen, die durch ihre Sucht das ganze soziale Netz zerstört haben. Kein Familienangehöriger ist mehr bereit, ihnen auch nur im Keller eine Matratze zu überlassen. Und da, sagt Ackerschott, kommen wir ins Spiel, sind wir in der Welt vieler Drogenabhängiger der einzige Hafen.
Im Notel sind die Drogenabhängigen „Gäste“. Und das heißt: Sie werden ernst genommen, auch in ihrer Sucht. Und das Angebot, das ihnen hier gemacht wird, ist absichtslos. Es geht also nicht darum, Junkies zu heilen oder gar zu bekehren. Die Mitarbeiter des Notels begleiten ihre Gäste vielmehr, bieten ihnen eine warme Mahlzeit, ein Bett, gewaschene Kleidung an. Und wer sein Leben als Junkie aufgeben will, den unterstützen die Leute vom Notel natürlich auch. Aber das steht eben nicht im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt steht der Drogenabhängige als Mensch und Gast – und das, was er gerade braucht. Absichtslos mit dem anderen umgehen, das erlebe ich hier, das zeigt: Jeder Mensch hat Würde. Egal wer oder was er ist. Und die Würde von Drogenabhängigen zu achten, das heißt auch: Ihre Entscheidungen zu akzeptieren, so schwer das manchmal ist. Auch die Entscheidung für die Sucht. Für die Leute im Notel ist das christliche Botschaft – ganz praktisch gelebt. Denn hier wird der Nächste akzeptiert, wie er ist – weil auch er Abbild Gottes ist. Gott selbst wird so als absichtsloser Gott verkündet. Denn er, so erzählt es auch die Bibel, geht mit, steht ihnen zur Seite, egal, wie sie sind und sich verhalten. Unserer Gesellschaft, in der so vieles zweckbestimmt ist, tut diese Absichtslosigkeit gut. Weil sie deutlich macht: Der Mensch ist wertvoll – ganz unabhängig davon, was er erreicht oder wer er ist.

Infos unter: www.notel-koeln.de; www.spiritaner.dehttps://www.kirche-im-swr.de/?m=5862