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SWR2 Wort zum Tag

„Grenzen sind dazu da, sie zu überwinden.“ Ein Spruch, der mir oft hilft, wenn ich an Grenzen stoße. Der mir Mut macht, nicht aufzugeben. Aber ich bin auch sicher: Das ist nur die eine Seite der Wahrheit. Denn viele Grenzen muss ich nicht überwinden, sondern annehmen.
An Ostern etwa habe ich das erste Mal beim Osterwerfen verloren. Wir treffen uns am Ostermontag mit der Familie meiner Frau, machen einen Spaziergang, und dann werfen wir auf einer Wiese Ostereier. Wer am weitesten kommt, hat gewonnen. In den letzten Jahren war ich das immer. Jetzt hat mich mein Neffe besiegt. Und ich spüre: selbst wenn ich mich anstrenge, trainiere, die Zeit des Siegens ist vorbei. Mein Körper stößt einfach an seine Grenzen. In den nächsten Jahren werden meine Kinder, meine Neffen und Nichten den Sieg unter sich ausmachen.
Das hört sich gelassen an – ist aber trotzdem auch bitter. Weil es deutlich macht: Die Zeit, dass alles möglich schien, die Zeit ist endgültig vorbei. Viele erleben ähnliche Situationen. Wenn das Knie nicht mehr mitmacht, kann man nicht mehr so weit laufen. Wenn das Herz angeschlagen ist, muss man mit vielem vorsichtig sein. Wenn der Rücken weh tut, kann man im Museum nicht mehr so lange stehen. Überall stoßen Menschen an Grenzen.
Ich glaube, da stellt das Leben jedem Menschen eine große Aufgabe: Mit den eigenen Grenzen umzugehen. Und mit den Grenzen anderer. Denn wenn ich etwas nicht kann, ist das ja nicht nur für mich ein Problem. Es begrenzt immer auch andere Menschen. Wenn wir etwa eine große Wanderung unternehmen wollen, aber die Großmutter schlecht zu Fuß ist, müssen wir uns was anderes einfallen lassen.
Ich erlebe so ganz konkret, dass Menschen in ihren Begrenzungen aufeinander angewiesen sind. Sicher: Staat und Kirchen fordern immer wieder Solidarität mit begrenzten Menschen, mit kranken und behinderten, mit sterbenden und verzweifelten Menschen ein. Aber wenn ich selbst an meine Grenzen stoße, oder mit den Grenzen anderer konfrontiert werde, dann wird aus der allgemeinen Forderung plötzlich eine ganz persönliche Erfahrung. Sie lässt mich verstehen: Wir alle sind begrenzt – und müssen deshalb dafür sorgen, dass niemand allein mit seinen Grenzen bleibt.

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