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SWR3 Gedanken

Beten ist wie Warten auf Gott. Ja, ich glaube, dieses Gleichnis passt:
Beten ist Warten auf Gott.
Und wir verbringen viel Zeit mit Warten:
beim Arzt, auf das Ende der Woche, auf das Essen, auf ein Ergebnis.
Immer wieder warten wir, weil noch nicht da ist, was wir erwarten –
genau wie beim Beten.
Warten kann ein Überbrücken oder sogar Wegwünschen der Zeit sein.
Und dabei, sagt der Volksmund, „vertreibt man sich eben die Zeit.“
Eigentlich schrecklich, oder: sich selbst die Lebenszeit zu vertreiben?
Dabei kann Warten auch ganz anders sein.
Warten kann etwas besonderes sein:
eine Zeit der Vorfreude und der Vorbereitung.
Jemand hat mir einmal gesagt, er warte mit „brennender Geduld“.
Das ist schön: nicht gelangweilt zu warten,
sondern mit brennender Geduld auf Gott zu warten.
So ein Warten ist eine Chance,
mich auf das einzustellen, was gleich passieren soll.
Denn das ist ja das einzig Sinnvolle, was ich beim Warten tun kann:
Das oder den, worauf ich warte,
kann ich nicht beschleunigen oder herbeizaubern,
aber ich kann es erwarten oder gar von Herzen herbeisehnen.
Die Wirklichkeit verändere ich damit nicht,
aber ich verändere meine Einstellung zur Wirklichkeit.
Denn so zu warten, bedeutet, den Rhythmus des Lebens zu spüren –
und zu begreifen, dass Gott sei Dank nicht alles sofort geschieht,
weil eben alles im Leben seine Zeit und seinen Raum braucht.
Und wenn das Erwartete dann eintrifft –
oder wenn der oder die Erwartete dann endlich da ist –
dann merkt man sehr genau, ob und wie gewartet wurde:
ob es nur um einen weiteren Termin im komplizierten Zeitplan ging,
oder ob das Warten wirklich eine Erwartung
oder gar Sehnsucht bedeutete.
So ein Warten ist wie ein Gebet,
ein Gebet vielleicht ganz ohne Worte.
Aber Worte sind beim Beten zu Gott auch nicht nötig,
wenn ich mit brennender Geduld warte.
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