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SWR4 Abendgedanken RP

Ungewöhnliche Wege der Verkündigung geht die evangelische Kirche im südwestpfälzischen Pirmasens in den kommenden Wochen.
In einer ehemaligen Schuhfabrik wird zurzeit ein Ostergarten aufgebaut.
Wer dort hingeht, soll hören, sehen, riechen, schmecken und fühlen,
was an Ostern geschehen ist, die Osterbotschaft also mit allen Sinnen erfahren.

Teil 1

Wir machen uns miteinander auf eine ganz besondere Reise. Wir fühlen, hören, sehen und schmecken, was damals geschah. Wir ziehen uns historische Gewänder an, und so reisen wir in ein fernes Land, in das Land Israel und in die Stadt Jerusalem....

Die Erzieherin Gudrun Anderie bereitet sich auf ihre Rolle vor:
sie ist zuständig für Kinderführungen durch den Ostergarten,
und arbeitet in der Projektgruppe mit, die zur zeit in einer ehemaligen Schuhfabrik die Stationen der Passion Jesu in Szene setzt.
Die Weihnachtsgeschichte ist uns allen vertraut, nicht zuletzt auch durch die volkstümlichen Krippendarstellungen.
Schon im Jahre 1223 hat Franz von Assisi im mittelitalienischen Greccio das Geschehen um die Geburt Jesu mit lebenden Tieren und Menschen nachgestellt.
Die Idee, etwas Ähnliches auch zu Ostern aufzubauen und den Menschen auf diese Weise die Leidensgeschichte Jesu nahe zu bringen, ist jung.
Etwa seit dem Jahr 2000 gibt es Ostergärten in verschiedenen Orten in Deutschland, ausgelöst durch Impulse, die aus der badischen Landeskirche kamen.
Vor 2 Jahren
hat man im Kirchenbezirk Pirmasens angefangen, sich damit zu beschäftigen. Szenen und Bilder aus den letzten Tagen im Leben Jesu sind in einigen Gemeinden damals schon entstanden.
In diesem Frühjahr ist es gelungen, das, was bereits ausprobiert wurde, zusammen zu tragen und es weiter auszubauen.
Und vor allem haben sich inzwischen mit Hilfe der Stadt geeignete Räumlichkeiten gefunden, um einen Ostergarten im großen Stil anzulegen.

Der Pirmasenser Dekan Dr. Michael Diener:
Ein Hoffnungsprojekt für die ganze Stadt ist die ehemalige Schuhfabrik Rheinberger, die nun nicht mehr als Ruine verfällt und leer steht, sondern auf vielfältige Weise gemeinsam von der Stadt und einer Investorengesellschaft betrieben und genutzt wird. Und uns war es ganz wichtig als Kirche, den Kirchenraum zu verlassen und da, wo die Menschen hingehen, da wo sie staunen, da, wo sie auch Hoffnung schöpfen aufgrund des Wandels, den sie in ihrer eigenen Stadt wirklich erleben können, auch mit der hoffnungsvollen Osterbotschaft präsent zu sein.

Das Faszinierende am Rheinberger-Gebäude sind die immensen Hallenfluchten auf unterschiedlichen Stockwerken.

Und im Rahmen dieses riesengroßen Gebäudes haben wir die Möglichkeit, eine ehemalige Schuhfabrikhalle jetzt farbenfroh umzugestalten. Ein Ostergarten lebt von den Stimmungen, die für alle Sinne greifbar sind......, d.h. wir werden mit bunten Tüchern und Stoffen arbeiten, wir werden Impulse in den einzelnen Räumen da haben in Form von Gegenständen und auch von Materialien, die die Menschen teilweise mit der Hand berühren und selbst auch mitnehmen können.

Für viele Menschen sind die biblischen Worte oft nur noch verstaubte Glaubensformelnzu denen sie wenig Zugang haben.
Selbst bei bewussten Christen kann durch die Gewöhnung an die biblische Sprache das, was Ostern wirklich beinhaltet, verblassen:
Ach ja, das kenn ich schon! Gleichzeitig trifft man im säkularen Bereich, vom Duschgel bis zur Schokolade, ständig auf Angebote, die mit dem Versprechen, „für alle Sinne“ etwas zu bieten, Interesse wecken.
Hieran knüpft der Ostergarten an.

Dekan Diener:
Wenn es im Johannesevangelium heißt, dass das Wort bei Gott war, und Gott war das Wort, heißt es zugleich auch „das Wort ward Fleisch“, es hat Gestalt angenommen. Nichts anderes versuchen wir: dem Wort, das natürlich das Entscheidende ist, eine Gestalt und unterschiedliche Gestalten zu geben, so dass die Menschen, so wie sie von Gott geschaffen wurden, in ihrer Sinnenhaftigkeit, dieses Wort besser verstehen und annehmen können.

Teil II

Das Projekt wird von 10 Gemeinden im Kirchenbezirk organisiert.
Gut 50 Leute arbeiten daran mit, Hauptamtliche, Ehrenamtliche, von den Handwerkern angefangen, die die Kulissen zimmern, bis zu den Kreativen, die sich überlegen, wie die einzelnen Stationen aussehen sollen.

Pfarrer Bernd Rapp von der Projektgruppe:
Also, es ist ein Projekt, bei dem ganz viele Menschen sich jetzt schon angesprochen fühlen, bei dem ganz viele Menschen jetzt schon für sich die Osterbotschaft neu erleben und das Projekt wird mit Sicherheit deshalb auch ausstrahlen auf ganz viele andere Leute, die die Osterbotschaft dann mit allen Sinnen erleben und erfahren können.

Am 22. März öffnet der Ostergarten seine Pforten und wird dann täglich von 9 Uhr bis 18 Uhr besucht werden können.
Wer kommt, begibt sich auf eine Zeitreise.

Bernd Rapp:
Die Zeitreise beginnt mit einem, der die Gruppe dann auch führt in einem historischen Kostüm, vor den Toren Jerusalems. Man wird einen Esel sehen, man wird Palmzweige sehen, man wird die Stadtsilhouette sehen, und man wird Stimmen hören von der Straße, die auf Jesus warten, auf den König, von dem die Leute .... sehr viel erhofft haben, dass er ihnen hilft gegen die Besatzung der Römer.

Mit dem Einzug des Arme-Leute-Königs, der sich als gar nicht so mächtig entpuppen wird, beginnt der Leidensweg.
Und die Besucher begleiten Jesus dann in seinen letzten Stunden, schlüpfen in die Rolle seiner Jünger damals und nehmen auch Abschied von ihm.

Die Menschen werden eingeladen, wirklich mit das Passahfest zu feiern, mit Brot und Saft, und gehen von dort aus in den Garten Gethsemane, den Ort der Anfechtung, der Stille und des Gebets. Dort wird auch Zeit sein für die Stille und für das Gebet, und auch das mal auszuprobieren, wie das ist, wenn man da wirklich in der Stille vor Gott ist und auch betet.

Jeder Mensch hat sein eigenes Gethsemane, hat mal jemand gesagt.
Das sind die Augenblicke im Leben, wo wir lernen, das was wir wollen, mit dem, was Gott will, zusammen zu bringen.
Die Angst, die Jesus in dieser Stunde durchlitten hat, wird den Besuchern des Ostergartens eindrücklich vor Augen bzw. Ohren geführt.

Mit Zwischenstationen geht’s dann weiter. Das ist: die Verleugnung des Petrus wird dargestellt, die Verurteilung vor Pilatus, die Dornenkrone, die Geißelung. Und am Kreuz selber wird der Hauptmann, der damals auch dabei war, berichten aus seiner Sicht, wie er die Kreuzigung erlebt hat und welches Wunder dabei geschah.

Eine düstere Atmosphäre prägt die Kreuzigungsstation,
greift die Empfindungen auf, die die Besucher aus den Kreuzessituationen ihres eigenen Lebens kennen. Aber das Kreuz ist nicht das Ende.

Pfarrer Bernd Rapp:
Danach gehen die Leute durch eine Grabeshöhle zum Auferstehungsbereich, also durch den Tod und durch das Dunkel zu neuem Leben, zu neuem Licht, zu neuer Hoffnung, werden dort ein Blumenkreuz sehen, werden, wenn sie möchten, ... einen Freudentanz mit aufführen und werden dort auch die Möglichkeit haben, danach ihren eigenen Gedanken noch einmal nachzuspüren, was das jetzt mit ihnen selbst auch angestellt hat und was das vielleicht für Auswirkungen haben kann für die Zukunft.

Das Leben siegt, und daraus kann ich Kraft schöpfen!
Das möchten die Ostergartenmacher in Pirmasens den Besuchern vermitteln.
Nicht zuletzt auch durch das künstlerische Begleitprogramm, das für die Karwoche geplant ist.

Teil III

Dekan Michael Diener:
Das Ostergartenprojekt wird für viele Menschen ein Hoffnungszeichen sein. Für die, die mitarbeiten, ist es ganz wichtig, dass sie merken: die christliche Botschaft, die ist auch heute vermittelbar. Und unsere größte Erwartung ist, dass, wenn die Menschen den Ostergarten verlassen, sie mit der Osterbotschaft, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, dass er lebt und unser Leben hoffnungsvoll begleitet, ganz neu etwas anfangen können.

In der Karwoche verdichtet sich das Geschehen im Ostergarten.
Für Pfarrerin Barbara Traub, die in der Projektgruppe für das künstlerische Begleitprogramm zuständig ist, wird der Auftritt des aus Bosnien stammenden und in der Schweiz lebenden Schauspielers Damir Dantes ein Höhepunkt im Ostergarten werden:

In 12 Szenen wird er allein mit der Sprache seines Körpers und mit Gestik den Besuchern die Leidensgeschichte Jesu vor Augen führen. Die Pantomime ist ja eine universelle Sprache, die einfach jeder versteht, ob jung oder alt, und sogar Gehörlose.

Mit weiß geschminktem Gesicht, mal im fliegenden dunklen Gewand, mal im weißen Lendentuch, verkörpert Damir Dantes insgesamt 23 verschiedene Charaktere aus der Passionsgeschichte.
Von Karsamstag auf Ostersonntag bleibt der Pirmasenser Ostergarten die ganz Nacht über geöffnet.
Die ungewöhnliche Zeit soll den Besuchern dann eine ungewöhnliche Erfahrung vermitteln: Die Nachtwache beim Gekreuzigten
im Gedenken an die Kreuzesstunden, die Menschen heutzutage durchmachen.
„Bleibet hier und wachet mit mir“, ist das Motto.
In der Morgendämmerung, als nach der biblischen Erzählung die drei Frauen sich aufmachten zum Grab Jesu und es leer fanden, wird dann im Atrium des Ostergartens - das ist der überdachte lichtdurchflutete Innenhof der ehemaligen Schuhfabrik -der Sieg Gottes über die Mächte des Verderbens gefeiert.
Für die Mitgestaltung dieses Gottesdienstes konnte die Stuttgarter Choreografin und Tänzerin Katja Erdmann-Rajski gewonnen werden.

Dazu Pfarrerin Barbara Traub:
Die Tänzerin Katja Erdmann-Rajski wird in diesem Gottesdienst einen Verwandlungstanz zeigen. Für mich ist dieser Tanz so etwas wie die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling, so möchte ich ihn einmal beschrieben. Aus der Starre eines Kokons wird sich ihr Körper immer mehr herauswinden. Er entpuppt sich sozusagen einem Schmetterling gleich. Und das drückt für mich die Osterbotschaft aus.

Dann wird auch ein Lied erklingen, in dem das ganze Leben mit einem Tanz verglichen wird. Es handelt von Christus, der durch den Tod hindurch gegangen ist zu neuem Leben:

Sie begruben meinen Körper und sie dachten „alles klar“,
aber ich bin der Tanz, es geht weiter ja.
Sie schlugen mich klein, doch ich sprang hoch herauf.
Ich bin das Leben, darum gebt euch niemals auf.
Ich tanze in dir, so tanz du jetzt für mich,
ich bin der Herr, komm und tanz für mich.
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