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SWR2 Wort zum Tag

Zur Zeit läuft in Kinos und Fernsehsendern – eingestreut zwischen Werbespots – ein kurzer Film. Er wirbt nicht für Konsumartikel, sondern für elementare Menschlichkeit. Im Mittelpunkt steht ein alter Mann, ein Wohnungsloser, ein „Penner“, wie man oft respektlos sagt. Nachts schläft er in irgendeiner Großstadt auf irgendeiner Parkbank ein, morgens wacht er unter den verächtlichen Blicken eines jungen Mannes auf, der seinem ordentlichen Tagwerk nachgeht. Man sieht ihn, wie er verloren mit seinen armseligen Plastiktüten dem Strom eiliger Großstadtpassanten entgegenhinkt. Man wird Zeuge, wie er von aggressiven jungen Männern angerempelt, verhöhnt, zu Boden gestoßen wird. Und als er sich mühsam wieder aufrappelt und seine Habseligkeiten an sich nimmt, begegnet sein Blick dem Blick eines Kindes – ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt. Das Mädchen lächelt ihn an. Ein kurzer Moment – dann wird sie von der Hand ihrer Mutter, die mit dem Handy telefoniert und nichts von der Begegnung wahrnimmt, ins Treiben der vorüber eilenden Passanten mitgezogen. Aber die Angst in den Augen des alten Mannes weicht - zumindest für einen Augenblick - einem Lächeln. Dann eine Textzeile: „Tief im Herzen wissen wir alle, was richtig ist“.

Die Filmszene ist kurz – und wirkt doch lange nach. Es ist ein Werbespot für die Jahreskampagne der Caritas. „Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft“, so lautet ihr Thema. Sehr hintergründig. Unter der besseren Gesellschaft versteht man normalerweise eine gesellschaftliche Schicht, die in einer ganz anderen Welt lebt als der wohnungslose Mann in dem Film. Dass man gute Manieren beherrschen muss, um zu ihr zu gehören, versteht sich von selbst. Aber welche Manieren, welche Verhaltensweisen sind vonnöten, um zu einer wirklich besseren, zu einer humaneren Gesellschaft beizutragen? Der Caritas-Spot gibt eine ganz einfache Antwort: Wir wissen es eigentlich alle. Tief in unserem Herzen wissen wir es. Vielleicht ist es verschüttet, verdrängt. Vielleicht ist es lästig, weil uns Menschen, die unsere geordneten Kreise stören, oft ein schlechtes Gewissen bereiten. Und wer mag das schon? Soziale Manieren – sie bedeuten kein besonderes Programm, keine sozialpolitischen Aktionen. Sie bedeuten zunächst einmal: Respekt vor dem anderen Menschen. Vor jedem anderen Menschen. Ihn als Mensch wahrnehmen und ihm als Mensch begegnen. Einfach deshalb, weil er Mensch ist, aus keinem anderen Grund. Es ist so einfach und doch so schwierig. Aber wie soll sich etwas verändern wenn nicht durch solche erste, so einfache und doch so schwierige Schritte? https://www.kirche-im-swr.de/?m=5547