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SWR4 Abendgedanken BW

Der Jakob saß auf nacktem Stein
und sehnte sich, daheim zu sein.
Doch schien der Heimweg ihm verschlossen:
er war weit übers Ziel geschossen
und hatte für den guten Segen
sich listig halb – und halb verwegen
ein Schurkenstückchen ausgedacht,
den Bruder sich zum Feind gemacht
und Vater Isaak vergrätzt
und in der Seele tief verletzt.
So saß der Jakob einsam da,
und ferne lag Beerseba.

Als er auf seinem Steine saß
und still sein Brot mit Käse aß,
war schon die Nacht heraufgezogen
mit Sternen hell am Himmelsbogen.
Im Kreis umgab ihn tiefe Stille,
nur eine nimmermüde Grille
erlaubte sich, im Grase drüben
ein neues Zirplied einzuüben.
Der Mond war nirgendwo zu sehn,
es wurde Zeit, zur Ruh zu gehen.
Und Jakob nahm sich selbstvergessen
den Stein, auf dem er gut gesessen,
und meinte, zweifelsfrei zu wissen,
der sei ein gutes Ruhekissen.
Er legte ihn ein wenig südlich
und fand ihn hart, doch auch gemütlich.
Ja, unser Flüchtling ruhte kaum,
da kam zu ihm ein großer Traum.
Er träumte auf der harten Liege
von einer langen, steilen Stiege,
die reichte von des Himmels Höhen
bis dicht vor seine nackten Zehen.
Und Engel stiegen auf und nieder,
die sangen engelgleiche Lieder.
Am End’ erschien gar Gott, der Herr,
und Jakob sah’s und bangte sehr.
Wie mochte der nun furchtbar wettern
und ihn zermalmen und zerschmettern!
Doch Gott sprach väterlich im Traum,
gewährte Jakob weiten Raum
und gab ihm obendrein – man denke! –
das Land zum ewigen Geschenke.
‚Und dann’, sprach er, ‚auf allen Wegen
bin ich bei dir mit meinem Segen.’

Das Traumbild schwand, und Jakob schlief
bis an den Morgen, sanft und tief.
Erhob sich, streckte seine Glieder.
Da kam der Traum ihm deutlich wieder:
die Engel und ihr Klettersport,
und Gott mit seinem guten Wort.
Der hatte ihn nicht heimgesucht
und wild vernichtet auf der Flucht.
War ihm bloß freundschaftlich begegnet,
hatt’ ihn beschenkt und neu gesegnet.
Und Jakob griff den schweren Stein
und wuchtete ihn querfeldein
hinüber zu des Platzes Mitte.
Dann tat er um ihn ein paar Schritte,
nahm Öl aus seiner Reisetasche
und leerte eine ganze Flasche
mit Andacht über diesem Stein
und sagte: ‚So, nun ist er rein,
Altar im Haus des Herrn zu sein.
Die Stätte will ich Bethel nennen.
Dies Heiligtum soll jeder kennen!’


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