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SWR2 Wort zum Tag

Wer es könnte
die Welt
hochwerfen
dass der Wind
hindurchfährt.


Dieses Gedicht von Hilde Domin spricht von der Sehnsucht nach Veränderung, dem Wunsch, sich von Erstarrung zu lösen, Freiheit zu erlangen. Welche Hoffnung! Wer es könnte / die Welt hochwerfen…Unmögliches Wirklichkeit werden zu lassen!
Die Welt hochzuwerfen, sich frei von der Welt zu machen, davon erzählt Lukas in der Apostelgeschichte. Paulus und Silas sitzen in schweren Ketten im Gefängnis. Was tun sie? Sie singen trotz Gefängnismauern und Gefahr Loblieder und gewinnen jene Freiheit im Gefängnis, die in ihrem Glauben und in der Gewissheit von Zukunft gegründet ist. Und dann geschieht Unwahrscheinliches. Ein Erdbeben kommt und ihre Türen springen auf, ihre Fesseln fallen ab. Die Welt ist wie hochgeworfen. Paulus und Silas sind frei. Aber sie fliehen nicht.
Lukas erzählt von dieser Erfahrung, die keineswegs nur in der Befreiung aus dem Gefängnis, sondern auch in großer Freiheit im Gefängnis zuteil werden kann. Diese Erfahrung von Menschen in Grenzsituationen macht Mut, problematische oder ausweglose Situationen meines Lebens anders zu sehen, sich nicht entmutigen lassen trotz Krankheit und Leid, trotz Friedlosigkeit und Gewalt, trotz Krisensituationen und Klimakatastrophen, sondern von der Hoffnung zu leben, davon zu sprechen.
Paulus und Silas singen inmitten von Fesseln und Finsternis Loblieder. Sie singen hier von Gott, machen sich in Gott fest. Ihr Glaube lässt sich nicht entmutigen durch Unterdrücker und Mächtige, akzeptiert nicht die harte Realität als das Letzte, sondern findet Sprache, um die Hoffnung nicht zu verlieren.
Der Traum Hilde Domins, dass die Welt hochgeworfen werden kann, damit der Wind hindurch fährt, ist der Traum auf Veränderung von Unbeweglichem, Festgefahrenem. Es ist die Sehnsucht nach einem lebenswerten Leben in Frieden und Freiheit für alle. Dafür sich einmischen, für das Leben eintreten und sich gegen die vielen Arten von Tod wehren, das ist die große Hoffnung, aus der und von der wir leben. Diesen großen Traum träumen, dafür arbeiten, damit der Wind durch unsere Welt fahren kann, heißt in den diversen Gefangenschaften nach dem Leben suchen. Nur wer drinbleibt und dranbleibt, erfährt Befreiung. Befreiung, nicht Verdrängung. So kann auch ich Hoffnung auf Freiheit gewinnen trotz mancher Fesseln, und Zwänge.

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