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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Habseligkeiten“, vor vier Jahren wurde es zum „schönsten Wort“ gekürt. Habseligkeiten.
Seither hat es keinen solchen Wettbewerb mehr um das „schönste deutsche Wort“ gegeben. Ein bisschen bedauere ich das. Denn die Sprache ist ungeheuer reich an Erfindungen. Sie lassen uns spüren, wie sich das Leben damals anfühlte und halten die Erinnerung daran wach.

Vor ein paar Tagen ist mir dieses Wort wieder begegnet, „Habseligkeiten“. Das war im Fernsehen. Zu sehen waren Flüchtlinge im Gaza-Streifen. Auto um Auto fuhr aus der Stadt, angefüllt bis unters Dach und darüber hinaus. Mit Hausrat, Töpfen, Kleidern, Spielzeug. Als die Bomben fielen, flohen die Menschen. Nahmen alles mit, was sie zum Leben brauchen. „Die Flüchtlinge - unterwegs mit ihren Habseligkeiten“, hieß es. Damit das Leben weiter gehen kann.

„Habseligkeiten“ ein bescheidenes, ein manchmal auch trauriges Wort. Und dennoch malt es liebevolle Bilder. Das Wort umschließt das Glück des Armen ebenso wie das der Reichen, erzählt von der Trauer eines gescheiterten Lebens wie von der Erinnerung an eine gute Zeit. Und es lässt innehalten und danach fragen, wer wohl morgen die Hand über mich hält.

Wenn ich überlege, was denn heute als „Habseligkeiten“ bezeichnet werden mag, dann sehe ich jenes wunderschöne Sammelsurium vor mir, das kleine Kinder um sich sammeln: Bunte Steine, eine zarte Vogelfeder, Spielkarten und vielleicht einen Lutscher. Doch ich sehe auch die Besitztümer eines Obdachlosen vor mir: eine Decke, Schuhe und ein paar Hemden, Jacken und Hosen, vor sich hergeschoben in einem Einkaufswagen. Habseligkeiten. Oder ich sehe den Schmuck einer wohlhabenden Frau vor mir, eingeschlossen in einer Schatulle. Oder jenes Kästchen mit den Briefen, die uns unsere Oma hinterlassen hat. Schön geordnet und zart umwickelt mir einem blauen Band. Ihr Mann starb viel zu früh.

„Habseligkeiten“ – Liebevoll zaubert dieses Wort. Als wollte es sagen: Ich nehm’ dich so wie du bist. Mit allem, was dir wichtig und heilig ist. Mit all deinen Schrulligkeiten, mit deiner Armut, ebenso wie mit deinem Stolz. Ich lasse dich. Auch in deiner Not auf der Flucht vor dem Krieg bin ich bei dir, halte die Hand über dich und die Deinen. Auch wenn’s ganz schwer ist.

Auf den weiteren Plätzen für das „schönste Wort des Jahres“ folgten damals übrigens die Worte: „Geborgenheit“, „Lieben“ und „Augenblick“. Worte, die eine Welt schaffen. Für jeden.
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