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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Klagen und Danken erwünscht
Im Rückblick auf das Jahr 2008 darf jeder klagen aber auch danken, beides sind Grundformen des Gebetes.

Besuch im Altenheim; ich überbringe die Weihnachtsgrüße der Gemeinde. Eine alte Dame klagt mir ihr Leid: „Ach wissen Sie das Jahr 2008 war ein sehr schlechtes Jahr für mich. Anfang des Jahres starb mein Mann und im Sommer hab ich mir das Bein gebrochen. Nach dem Krankenhaus musste ich dann ins Altenheim. Jetzt bin ich hier, letztes Jahr Weihnachten war ich noch zu Hause, saß mit meinem Mann unterm Weihnachtsbaum.“ Tränen kommen der alten Dame in die Augen, dann fasst sie sich wieder und meint: „Aber man darf ja nicht klagen, das Leben ist eben so.“ Sie merkt gar nicht, dass sie bereits am Klagen ist. Und deshalb unterlasse ich es auch, ihr zu widersprechen. Denn natürlich darf man klagen, ja man soll sogar klagen. In der Klage bringe ich alles, was mich bedrückt, meine Trauer, meine Verletztheiten, meine unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte ins Wort. Ich spreche aus, was mich belastet, das ist auf alle Fälle besser als es in mich hineinzufressen.
Heute ist Silvester, der letzte Tag im Jahr, viele halten an diesem Tag Rückschau. Und wenn Sie bei dieser Rückschau auf das Jahr 2008 Anlass zur Klage haben, dann tun sie es, klagen Sie. Und wenn Sie ihrer Familie, ihren Freunden oder Nachbarn ihre Klage nicht zumuten wollen, klagen sie trotzdem. Und werfen sie dem ihre Klagen an den Kopf, der seit Jahrtausenden Adressat vieler Klagen ist: Gott, ob leise oder laut, ob mit Zorn oder in Trauer, er hält das aus.
Wenn Sie aber bei der Rückschau auf das Jahr 2008 Grund zum Danken haben, dann tun Sie das auch. Gott freut sich, wenn er nicht nur Klagen hört. Wenn sie sich im Rückblick auf 2008 freuen können, weil die Ehe immer noch hält, die Kinder Freude bereiten und die Kollegen im Grunde ganz nette Menschen sind, dann dürfen Sie auch mal danke sagen.
Danken und Klagen sind Grundformen des Gebetes. Sie bauen auf der großen Hoffnung auf, dass ich bei allem, was mir widerfährt, den größten Traurigkeiten aber auch den schönsten Freuden, nicht allein bin.
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