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SWR4 Sonntagsgedanken

„Das ist wirklich so!" sagen wir und glauben, im Bilde zu sein. Doch was ist wirklich? Und wie verändert ein weihnachtliches Bild unsere Sicht der Wirklichkeit?


Teil 1

Lichter und Weihnachtsschmuck, Engel und Tannengrün, Mensch und Tier um die Krippe und das Kind im Stall: Weihnachten, ein Fest, das alle Sinne anspricht. Ein Fest voller Sinnlichkeit.

Ein nicht geläufiges Weihnachtsbild will ich Ihnen heute Morgen vorstellen. Weil es das Weihnachtswunder auf eigene Weise deutet, erlaubt es auch eine neue Sicht auf das Leben schlechthin.

Das Bild erzählt von den Hoffnungen der Juden. Die haben ja über Jahrhunderte auf den kommenden Messias gewartet und erwarten ihn noch immer. Wir Christen glauben, in Jesus ist er auf die Welt gekommen. Doch das Hoffnungsbild der Juden kann uns helfen, das Weihnachtswunder in einem neuen Licht zu sehen.

Rabbi Josua Ben Levi trifft den Propheten Elija. Er fragt den Elija: Wann kommt der Messias?
Elija: Geh hin und frage ihn selbst!
Josua: Wo finde ich ihn denn?
Elija: Er sitzt am Tor der Stadt!
Josua: Woran soll ich ihn erkennen?
Elija: Er sitzt unter den Armen, mit Wunden bedeckt. Die andern binden ihre Wunden alle zugleich auf und nachher verbinden sie sie wieder. Er aber bindet immer nur eine Wunde auf und verbindet sie anschließend sofort, denn er sagt sich: Vielleicht werde ich gebraucht! Ich muss immer bereit sein, damit ich keinen Augenblick Zeit verliere!

Der Messias bei den Armen am Stadttor. Ein verwundeter Heilsbringer. Die Wurzeln dieses Bildes reichen in alte Zeiten zurück. Als Israel an einem Tiefpunkt seiner Geschichte war, die Menschen in Elend und bitterer Not, da hat ihnen ein Gottesmann Hoffnung gemacht: „Du Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr ist“. Nicht hoch aus dem Himmel: aus kleinen Verhältnissen würde der Heilsbringer kommen. Einer, der sie und ihr Leid versteht.

Ein verletzter und verletzlicher Heiland. Wie irritierend für den, der zu einem starken, unverletzlichen Gott zu beten gewohnt ist. Wie kann einer Heiland sein, der doch selber nicht heil ist?!

Wer in einer Krise ist, möchte einen starken Helfer haben. Der soll über den Dingen stehen. Oben soll er sein, wenn man selbst schon im Loch der Einsamkeit sitzt.

„Warum verbirgst du, Gott, dein Antlitz?“ „Warum schläfst du?“ „Warum bist du wie ein Fremdling?" „Warum schweigst du?“ So haben die Menschen schon immer gefragt und ihrem Gott „da oben” geklagt.

Gott wird Mensch - das sagt sich leicht „alle Jahre wieder" aufs neue. Aber Gott in einem verwundeten Menschen? Ein Gott, der nicht mehr oben zu suchen ist, weil er unter den Armen am Stadttor sitzt? Viele unserer Advents- und Weihnachtslieder loben den allmächtigen Gott im Himmel. Wie müssten sie klingen, wenn doch Gott längst heruntergekommen ist? Was fangen wir mit einem so heruntergekommenen Gott an?

Teil 2

Gott kommt zur Welt. Doch Menschen können offenbar schwer umgehen mit dem heruntergekommenen Gott. Gott hat oben zu sein, der Mensch ist unten. Wenn Gott heruntergekommen ist zu uns, dann muss die Phantasie sogleich einen anderen Gott erfinden: seelenlos und unsichtbar, von den Leuten als „Schicksal” bezeichnet. Wir erheben den Gott „Schicksal" auf den Thron, und dann ist sie wieder hergestellt: die alte Ordnung von oben und unten. Ein mitleidloser, ein leidensunfähiger Gott - dieser Gott mit dem Namen „Schicksal". Ohne Ansehen der Person trifft sein Bannstrahl mal diesen, mal jenen. Als Trost für alle im Leben zu kurz Gekommenen weiß das Schicksals-Lied eine Verheißung: „Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles gleich".

Das Weihnachtsevangelium sagt eine andere Wahrheit an: Nicht das Schicksal heilt, sondern die Begegnung heilt. Darum sprechen so viele Worte der Bibel davon, dass Gott den Menschen begegnet.

Das Bild des verwundeten Messias steht für das Weihnachtsevangelium. Und das besagt: Gott kommt dahin, wo ich gerade bin und unter welchen Umständen auch immer ich in diesem Jahr Weihnachten feiern oder eben nicht feiern werde. Durch ein paar Festtage wird die Welt nicht zu einem Paradies auf Erden. Wo die einen feiern, ist den andern zum Weinen zumute. Tränen der Verlassenheit, Tränen der Empörung, Tränen der Ohnmacht. Weil der menschgewordene Gott die Menschen achtet, respektiert er auch ihre Tränen. Sie wiegen bei ihm viel. Auch dafür steht das Bild des verwundeten Messias.

Es soll nicht bei schulterklopfenden Vertröstungen bleiben. In einem alten Weihnachtslied heißt es: „Er ist auf Erden kommen arm, daß er unser sich erbarm“. Damit Menschen wieder aufrecht gehen können. Nicht mehr gebeugt unter ihrer Schuld, zerbrochen an den Forderungen ihrer inneren Antreiber, in sich zurückgezogen und allenfalls sich selbst streichelnd mit Phantasien und Tagträumen.

„Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm”. Das Weihnachtslied empfinde ich wie eine Erlaubnis. Da sagt mir einer: Setz dich nicht unter Druck. Belaste dich nicht mit dem, was du zur Zeit alles nicht kannst: einen Glauben, den du nicht hast, eine Begeisterung, die sich nicht einstellen will. Nimm statt dessen diese Worte auf und nimm sie dorthin mit, wo du in diesen Weihnachtstagen sein wirst, ob in der Familie oder in einem Bergdorf. Und dann sieh zu, welche Erfahrungen du damit machst! Wie durch diese „Gute Nachricht“ deine Lebenssituation anders gedeutet wird. Wie du immer neue Facetten an diesen Worten entdeckst. Lass dich doch ein auf „die Geschichte, die da geschehen ist“!

Ich wünsche Ihnen eine frohe und gesegnete Weihnachtszeit. https://www.kirche-im-swr.de/?m=5132