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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Zwei Soldaten begegnen sich im Wald.
Der zweite Weltkrieg tobt gerade. Und sie sind Feinde.
Keiner von den beiden hat mit einer solchen Begegnung gerechnet, als er sich von seiner Truppe entfernte. Eben noch haben sie aufeinander geschossen. Plötzlich stehen sie einander gegenüber.
Sie erstarren vor Schreck. Sie sehen den Feind im anderen, den bewaffneten Soldaten. Aber keiner von beiden rührt sich.

Eigentlich müssten sie auf einander schießen. Aber irgendetwas hält sie davon ab. Vielleicht, dass es keinen Zeugen gibt für dieser Begegnung; niemand ist da, dem man etwas beweisen müsste; niemand, der sagen wird: „Das war Feigheit vor dem Feind.“
Und je länger sie zögern, desto klarer wird: Die Waffe ziehen - das geht nicht mehr. Warum eigentlich nicht?
Ich bin sicher: Weil sie einander in die Augen gesehen haben. Das ändert alles: Da ist nicht mehr nur der Feind, jetzt sehen sie auch den Menschen.
Und wer im Feind den Menschen entdeckt, der kann nicht mehr schießen.
So einfach ist das.

Wie geht die Geschichte weiter?
Langsam lässt die Anspannung nach. Die Angst löst sich.
Sie rühren sich mit äußerster Vorsicht. Keiner will den anderen erschrecken.
Sie können sicher sein: Niemand wird von dieser Begegnung erfahren.
Und sie haben auf einmal etwas gemeinsam: Sie teilen ein Geheimnis.

In diesem Augenblick sind sie sich näher gekommen, als so manch einem, den sie schon über Jahre kennen. Ohne Worte.
Dieses Gesicht, diese Augen, werden ihnen ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Und dieses Erlebnis: Mitten im Krieg - Frieden.
Ein heiliger Moment.

Und so lösen sie sich von einander. Und sie gehen ihrer Wege. Gehen anders weiter, als sie gekommen sind. Sie haben erlebt: Unmögliches ist möglich.
Der Traum vom Frieden kann wahr werden.
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