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SWR2 Wort zum Tag

Noch ist nicht Heiliger Abend. Aber die letzten Vorbereitungen laufen, äußerlich und innerlich. Schauen wir an diesem besonderen Tag in die biblische Geschichte. Da sind Maria und Josef fast am Ziel, in der Stadt Davids. Schon länger unterwegs sind sie, aus der galiläischen Senke hinauf Richtung Jerusalem. Anlass ihrer Reise sind die römischen Steuergesetze, hart an der Grenze zur Ausbeutung. Maria und Joseph werden sozusagen vom Finanzamt zitiert. Auch damals ist also das Geldthema zentral, nicht ganz so dramatisch wie in unseren Zeiten des Turbokapitalismus. Immerhin: die Geschichte spielt nicht kuschelig in einer idyllischen Oase oder konsumfreudig auf dem Weihnachtsmarkt. Sie gehört mitten hinein in die harte Realität mit Gewinn und Verlust, Angebot und Nachfrage, Armut und Reichtum. Maria und Joseph können ihrem Kind kein schönes Zimmer bieten mit Babybett und Spielsachen. Und doch sind sie, im doppelten Wortsinn, guter Hoffnung.
Der durch sie zur Welt kommt, ist nämlich der absolute Kontrast zu den herrschenden Verhältnissen mit Steuerlisten und Investmentbankern. Im Futtertrog geboren und von Anfang an heimatlos, wird dieser neugeborene Mensch zum Zeichen des Widerspruchs. Nicht Augustus in Rom, nicht Wallstreet und Landesbanken sollen die Welt regieren. Da gibt’s nun eine ganz andere Instanz. Mit diesem Kind, das Maria und Joseph nach Bethlehem tragen, beginnt eine ganz neue Geschichte: da entsteht die Bereitschaft zum Teilen. Niemand muss dann mehr hungern oder um sein Altenteil bangen. Nicht Steuersatz oder Vermögen bestimmen fortan den gesellschaftlichen Status. Nein, mit diesem Jesus beginnt mitten in der jetzigen Kapitalwelt etwas ganz anderes. Wirklicher Weltfriede erwächst erst in einer universalen Solidargemeinschaft, und die gründet in Gott. Nicht Habgier oder Machtgewinn um schier jeden Preis bestimmen dann Angebot und Nachfrage. Es ist vielmehr das Kapital der göttlichen Liebe, das unter Menschen angelegt wird und für sie. Und zwar nicht nur einen kurzen Heiligen Abend lang.
Deshalb können wir heilfroh sein, dass Maria und Joseph heute ihr Ziel erreichen. Deshalb können wir uns über den Geburtstag Jesu nie genug freuen. Ohne ihn wäre die Welt viel ärmer. Herzlichen Glückwunsch also, gesegnete Weihnachten!
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