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SWR2 Wort zum Tag

„Da bist du ja endlich“, sagen fromme Juden. „Da bist du ja endlich wieder“, sagen gläubige Christen. In Erwartung sind beide, messianisch die einen, adventlich die andern. Sie können und wollen sich mit dem Bestehenden nicht abfinden: zu viel Leiden und Langeweile, zu viel Unrecht und Gewalt. Den Geschmack Gottes im Sinn, spüren Juden wie Christen Defizite auf. „Wo bleibst du Trost der ganzen Welt?“ lautet ihre Frage. Gottes Schöpfung ist zu gefährdet, zu gottlos ist der Umgang mit ihr. Tief eingeschrieben ist dem jüdischen Glauben dieser Hunger nach Vollendung. Seit dem babylonischen Exil damals wächst da die Sehnsucht, dass es endlich anders werde mit uns und allem, heiler, gerechter, liebevoller. Im Messias wird Gottes Kommen erwartet, höchst persönlich wird er für Ordnung sorgen. Kaum zu erwarten also ist die Ankunft dieser Rettergestalt. Denn unsereiner allein schafft es nicht, selbst der gute Wille aller Menschen wäre zu wenig. Denn es gibt auch den bösen! Deshalb der Sehnsuchtsschrei: „Ach komm, ach komm Emmanuel“ Christen schließen sich den Juden dankbar an. In Jesus ist der ersehnte Durchbruch tatsächlich schon geschafft, davon sind sie überzeugt. Aber was in ihm endgültig schon aufblitzte, muss überall erst noch Wirklichkeit werden. Noch liegt die Welt im Argen. Es gibt keinerlei Grund, sich faul zurückzulehnen – im Namen Jesu erst recht nicht. Denn was in ihm geglückt ist, soll überall erst wahr werden und wirklich. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“ Geringer kann jüdische Hoffnung nicht sein, christlicher Glaube auch nicht.
Von messianischen Wehen sprechen die Frommen Israels. Selbst im Warschauer Ghetto und in Auschwitz nahmen sie Gott beim Wort und ins Gebet. Die schrecklichen Leiden jetzt erlitten sie als Geburtsschmerz einer kommenden neuen Welt, hoffentlich gerecht endlich und gottgemäß. Umso heftiger wird der Messias kommen. Er wird alle Wunden heilen. „Da bist du ja endlich“, sagen die Betenden schon jetzt, ungeduldig und wie im Vorgriff. Im christlichen Advent geht es genau um diese Sehnsucht: „da bist du ja endlich wieder“. Im Messias erkennen sie Jesus wieder, und auf dem Angesicht Christi schauen sie jetzt schon die Gesichtszüge des Kommenden. „Ach komm, ach komm, Emmanuel“! Deshalb ergeht in jeder Messfeier die Bitte, dass er endlich komme in „Herrlichkeit“. Dann endlich wird alles gut sein, sehr gut und sehr schön. Je näher zu Weihnachten, desto heftiger dieser Wunsch, also heute!
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