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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Im 16. Jh. muss der spanische Ordensmann Johannes vom Kreuz monatelang in einem dunklen Kellerloch verbringen. Nach einer Phase der Gottverlassenheit macht er eine neue Erfahrung der Nähe Gottes.
Wer in einem dunklen Kellerloch Gedichte schreibt, Lieder singt und Landschaften zeichnet, ist entweder verrückt - oder ein Heiliger. Im Fall des spanischen Ordensmannes Johannes vom Kreuz, dessen Gedenktag am heutigen 14. Dezember ist, kommt vielleicht beides zusammen. In einer kalten Dezembernacht des Jahres 1577 war er aus seinem Kloster in Avila entführt und in eine Zelle von gerade einmal fünf Quadratmetern eingesperrt worden. Ein dreiviertel Jahr musste er in diesem Verließ verbringen - ohne Fenster und in stickiger Luft. Von seinen Freunden isoliert zu sein war auch für einen gestandenen Ordensmann harte Kost. Aber noch schlimmer für ihn war, dass er in diesem Kellerloch den Eindruck hatte, auch von Gott isoliert zu sein. Früher hatte er ein Bild von einem gütigen Gott gehabt, das ihm immer viel Kraft gegeben hatte. In dem Verließ aber gab es bald keinen frommen Gedanken mehr, an dem er sich noch festhalten konnte. Nur noch auf sich selbst zurückgeworfen beschloss er, das vor Gott zu tragen, was ihm noch geblieben war: seine ganze Einsamkeit und Ohnmacht. Doch nun geschah etwas Überraschendes. Er hatte auf einmal das Gefühl, dass gerade in dieser totalen Verlassenheit Gott ihm nahe war. Und das in einer Intensität, wie er es von früher her nicht kannte. Johannes vom Kreuz war von dieser Erfahrung überwältigt. Er begann, in der Zelle zu singen, und – wenn das schwache Licht es zuließ – auch zu zeichnen und Liebesgedichte zu schreiben. Nachdem ihm endlich die Flucht aus dem Kerker gelungen war, war er davon überzeugt: Gedanken über Gott und Bilder von Gott können verhindern, Gott wirklich zu begegnen. Johannes vom Kreuz hatte erfahren: es kann schmerzhaft sein, seine Vorstellungen von Gott zu verlieren. Aber es war ihm auch klar geworden: Wer sich mit seiner ganzen Bedürftigkeit und Ohnmacht Gott vorbehaltlos anvertraut, kann die Nähe Gottes ganz intensiv erfahren.
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