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SWR2 Wort zum Tag

Wir Menschen können etwas, das ist wunderbar: Wir können uns in einen anderen Menschen hinein versetzen. Die Welt mit seinen oder ihren Augen sehen. Indem ich einen Perspektivenwechsel vornehme. Ich kann nachempfinden, was ein anderer gerade durchmacht. Sogar sein Inneres erahnen. Verstehen, zumindest annähernd, wie die andere denkt, was sie freut, wo ihn der Schuh drückt, was ihr wichtig ist und sie prägt.
Manchmal denke ich, ich müsste diese Gabe viel öfter anwenden. Sie ist so elementar notwendig, um nicht nur egozentrisch durchs Leben zu laufen. Ohne Perspektivenwechsel bleibe ich nur bei mir selbst. Werde zum Gefangenen meiner eigenen Weltsicht. Und ohne Perspektivenwechsel gibt es kein Verständnis, keine Rücksichtnahme, kein gedeihliches Zusammenleben.
Manchmal ist es wichtig, den Perspektivenwechsel noch ein Stück weiter zu treiben. Übers das hinein-denken und mit-fühlen hinaus. Indem man den Perspektivenwechsel auch praktisch übt.
In einem alten indianischen Gebet heißt es: „O Gott, großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, bevor ich nicht ein Meile in seinen Schuhen gegangen bin.“
In den Schuhen eines anderen zu gehen, verspricht noch mal ganz andere Einsichten in und für den anderen.
Stellen Sie sich vor, es wäre üblich in einer Firma oder in einem Amt, dass leitende Angestellte jedes Jahr eine Woche in der Expeditur schaffen. Oder in der Produktion. Oder wir meckernden Bahnreisenden wären eine Woche lang unterwegs als Zugbegleitpersonal. Jeder Bürgermeister einer Stadt würde einmal im Jahr eine Woche lang im Alten- und Pflegeheim demente Menschen betreuen und Angehörige beraten. Jeder Pfarrer, jede Journalistin, jeder Architekt, jeder Minister wäre...: Der Phantasie, Rollen zu wechseln sind eigentlich keine Grenzen gesetzt.
Warum versucht es trotzdem so selten jemand?
Vielleicht, weil Rollen- und Perspektivenwechsel einen verändern und anderes Verhalten nahe legen? Das tun sie, bzw. sie würden es tun. Bestimmt. Wahrscheinlich würden die Gehälter in der Pflege nicht so dürftig und die Personalschlüssel nicht so eng bleiben wie sie sind. Vielleicht würde manche Entscheidung in Vorstandsetagen auf einmal ganz anders ausfallen.
Wäre es nicht sinnvoll, das alte indianische Gebet zu erneuern? „Gott, gib mir den Mut, in den Schuhen des anderen zu gehen, bevor ich über ihn urteile oder bestimme.“
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